Landratte trifft Seebär
veröffentlicht am 02.02.2012

Die extremste Form der Fernbeziehung führen wohl Seeleute und ihre Partner. Monatelang sind sie getrennt, dann aber nach dem Wiedersehen bis zum nächsten Ablegen komprimiert über Wochen zusammen, sodass es einen Beziehungsalltag kaum geben kann. Die Journalistin Nancy Krahlisch ist die Frau eines Schiffskapitäns.
Berlin - Die extremste Form der Fernbeziehung führen wohl Seeleute und ihre Partner. Monatelang sind sie getrennt, dann aber nach dem Wiedersehen bis zum nächsten Ablegen komprimiert über Wochen zusammen, sodass es einen Beziehungsalltag kaum geben kann. Die Journalistin Nancy Krahlisch ist die Frau eines Schiffskapitäns. In dem autobiografischen Buch "Seemannsbraut. Eine 40.000 Kilometer lange Liebesgeschichte" erzählt die 32-jährige Brandenburgerin von den Klippen und Stürmen, die eine solche Liebe umschiffen muss.
Seit 2001 ist Krahlisch mit ihrem Heribert zusammen. Für ihn ist die Seefahrerei der Traum seines Lebens. Für sie ist der gut aussehende, stets braun gebrannte Heribert der Traummann. Als sie zusammenkommen, verschieben sich für ihn die Prioritäten, mit einem Mal ist da nicht mehr nur die Seefahrt. Nichtsdestotrotz verwirklicht er seinen Traum weiter, wenngleich mit Schmerzen.
Krahlisch erzählt die Beziehungsgeschichte chronologisch - und zitiert dabei auch aus Heriberts Briefen, die sie von ihm aus aller Welt erhielt. Anschaulich beschreibt sie, wie weh der Abschied tut, wie einsam die folgenden Wochen sind, wie wichtig das Handy ist, wie der Partner vor allem an Weihnachten und Silvester und - noch schlimmer - bei Hochzeitspartys von Freunden fehlt. Wenn dann das ersehnte Wiedersehen ansteht, sind die Erwartungen so übersteigert, dass es auch nicht gleich läuft, sondern man "fremdelt" - und da eine riesige Angst ist, man könne sich in der langen Zeit der Einsamkeit "entliebt" haben.
Der Liebe wegen wagte sich die "überzeugte Landratte" sogar an Bord des Schiffs. Was sie dann auch schnell mit der Seekrankheit bezahlte. Die Gegenleistung war doch eher ernüchternd: Heribert hatte so viel Arbeit, dass er sich kaum um die malade Geliebte kümmern konnte. Die Faszination der Seefahrt leuchtet aber auch bei Heribert nur selten auf: Er erzählt von der vielen Arbeit, kurzen Liegezeiten in den Häfen, kaum Schlaf. Dass die Atmosphäre der fremden Länder, internationale Mannschaften, in den Sonnenuntergang springende Delfine und das Gefühl der Unendlichkeit des Meeres das aufwiegen, erwähnt er in seinen Briefen nur am Rande.
Krahlisch schreibt die Geschichte unbeschwert und locker auf. Wenn sie aus Freude, Wut oder Frust weint - was in diesem Buch rekordverdächtig häufig vorkommt - ist das nachzuvollziehen. Denn wen würde es nicht ärgern, wenn der eben zum Kapitän beförderte Geliebte, für den man eine riesige Überraschungsparty mit Freunden aus der ganzen Republik organisiert hat, einen Tag vorher Bescheid gibt, doch erst Wochen später kommen zu können, weil sein Nachfolger, der das Schiff führen soll, plötzlich erkrankt ist? Trotzdem lautet ihre Erkenntnis: "Ich habe mich sogar schon damit abgefunden, auf ewig eine Seemannsbraut zu sein." (Holger Mehlig) (© AP)





