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Seltsame Selbstfindung

veröffentlicht am 02.02.2012


Es beginnt wie eine Kriminalgeschichte: 1991 verschwindet in Nizza der neunjährige Charles-Édouard, Sohn eines wohlhabenden Tierarztehepaares. Von dem Jungen fehlt jede Spur, vieles deutet auf ein Verbrechen hin. Schnell gerät der Vater Jean-Christoph Cottard unter Verdacht, der ehrgeizige Emporkömmling verstrickt sich in Widersprüchen.

 

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Berlin - Es beginnt wie eine Kriminalgeschichte: 1991 verschwindet in Nizza der neunjährige Charles-Édouard, Sohn eines wohlhabenden Tierarztehepaares. Von dem Jungen fehlt jede Spur, vieles deutet auf ein Verbrechen hin. Schnell gerät der Vater Jean-Christoph Cottard unter Verdacht, der ehrgeizige Emporkömmling verstrickt sich in Widersprüchen. Der Junge bleibt unauffindbar, nach und nach kommen beängstigende Einzelheiten ans Licht.


Die Cottards führten eine seltsame Ehe. Claude war mehrmals in psychiatrischer Behandlung, ihr Mann hing mit krankhafter Liebe an seiner zwanghaft fremdgehenden Gattin. Nach der Geburt des Sohnes unternahm sie einen Selbstmordversuch und kehrte nach längerem Klinikaufenthalt widerwillig zu Mann und Sohn zurück. Jahre später verlässt Claude ihre Familie erneut. Zuvor offenbart sie ihrem Mann, Charles-Édouard sei nicht sein Sohn. Dennoch lässt sie den Jungen bei Jean-Christophe, dem langsam alles entgleitet. Eine stümperhafte Selbstbeschneidung soll ihn zum Juden machen, denn angeblich ist sein Konkurrent ein jüdischer Vagabunt. Den Jungen zwingt er, eine Nazibinde zu tragen und drillt ihn mit Sportübungen.


Als der verschwundene Sohn unauffindbar bleibt, erschleicht Claude ein zweifelhaftes Geständnis von Jean-Christophe, der nun offen des Kindsmordes bezichtigt wird. Der Erzähler sieht einen Fernsehbericht über diesen Fall und ist fasziniert von dem Familiendrama. Hat der Vater den Jungen umgebracht, war es ein Unfall oder entführte womöglich die Mutter ihren Sohn? Vor allem sie gibt dem Schriftsteller, der nach der Veröffentlichung eines brisanten Romans mit seiner Familie gebrochen hat, Rätsel auf. Er vertieft sich in Prozessakten, die manische Beschäftigung mit dem Kriminalfall führt ihn schließlich zu einer Auseinandersetzung mit seiner eigenen Geschichte - und seinem Verhältnis zu Glauben und Judentum.


Der Kriminalfall beruht auf einer wahren Geschichte, Marc Weitzmann, 1959 in Paris geboren, nimmt sie als Auftakt und Anlass für eine außergewöhnliche Selbstfindung, die bisweilen surreale Züge trägt. Glaubt man sich zu Beginn noch in einem makabren Verbrechensschauspiel, gerät man allmählich in eine beinah philosophische Abhandlung über Wahrheit, Religion und Liebe. (Anke Breitmaier)  (© AP)



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