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Ein amerikanischer Klassiker

veröffentlicht am 02.02.2012


Winesburg findet man auf keinem Atlas, Literaturkundigen ist die amerikanische Stadt jedoch ein Begriff: als traurig-schöner Ort für ungestillte Sehnsüchte und verborgene Seelenpein - und als Synonym für großartige Literatur.

 

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Berlin - Winesburg findet man auf keinem Atlas, Literaturkundigen ist die amerikanische Stadt jedoch ein Begriff: als traurig-schöner Ort für ungestillte Sehnsüchte und verborgene Seelenpein - und als Synonym für großartige Literatur.


1919 erschienen die Short-Storys von Sherwood Anderson (1876-1941) erstmals, auch heute noch faszinieren diese außergewöhnlichen Porträts gewöhnlicher Leute, die Lakonie des Erzählten zieht einen ungebrochen in den Bann. Die schroffe Schlichtheit, mit der Sherwood das Kleinstadtleben im mittleren Westen Amerikas seziert, schlägt sich im beiläufig-distanzierten Ton nieder, hinter dem doch eine tiefe Sehnsucht nach Heimatidyll aufklingt.


Anderson lässt einen jungen Lokalreporter in der fiktiven Ortschaft Lebensgeschichten sammeln. George Willard ist geduldiger Zuhörer, obwohl er eigentlich mit der eigenen Mannwerdung und Identitätsfindung befasst ist. Von seinem Beobachtungsposten aus der Mitte heraus trägt er zusammen, was sich hinter dem Offensichtlichen verbirgt.


Da ist beispielsweise Joe Welling, gefürchtet wegen seiner unvermittelten Redeanfälle, der mit einem Wortschwall die grimmigen Brüder seiner großen Liebe bezähmt. Da ist Tom Foster, der in juvenilem Erkenntnisdrang auch mal einen Vollrausch austestet. Da ist der ehemalige Lehrer Wing Biddlebaum, den ein zu großes Interesse an seinen Zöglingen in Teufels Küche brachte und da ist die Geschichte der Familie Bentley, die am Glaubenswahn eines Onkels zerbricht. Es sind düstere Berichte von Einsamkeit und Trauer, von verlorenen Chancen und zerbrochenen Träumen.


Sperrig sind diese Lebensfragmente, sie biedern sich nicht an, sie täuschen nicht mit Gefälligkeit - dadurch werden sie so unmittelbar.


Anderson, der schreibende Handwerkersohn aus dem amerikanischen Provinznest Camden in Ohio, ist eine der großen Gestalten der amerikanischen Literatur. Er war Wegbereiter neuer Literaturströmungen und beeinflusste Schriftsteller wie Thomas Wolfe oder Henry Miller.


Sein Kurzgeschichtenzyklus handelt von der Verlorenheit des Menschen, die 22 Skizzen sind nicht wirklich verzahnt, sondern lose miteinander verwoben. Ebenso unüberbrückbar scheint die Entfremdung zwischen den Menschen, die am gleichen Ort leben, aber unter einer Verbindungslosigkeit leiden, der sie nicht entrinnen können. Nur Willard bricht am Ende auf, um jenseits von Winesburg seine eigene Geschichte zu leben.


Anderson, der 1912 aus einer bürgerlichen Existenz mit Frau, Kindern und Job ausstieg, um sich ganz dem Schreiben zu widmen, war ein poetischer Abweichler, dessen Werke einen festen Platz in der Literaturgeschichte haben. Mit der Neuauflage von "Winesburg, Ohio" kann er ein weiteres Mal entdeckt werden. (Anke Breitmaier)  (© AP)



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