Unterwegs nach Eismitte
veröffentlicht am 02.02.2012

Als Alfred Wegener am 6. Januar 1912 vor der Senckenberg-Gesellschaft in Frankfurt seine Theorie zur Kontinentalverschiebung vorstellte, erntete er nur Spott. Die wissenschaftlichen Honoratioren der Zeit taten die Erkenntnisse des Marburger Meteorologen als Humbug ab.
Berlin - Als Alfred Wegener am 6. Januar 1912 vor der Senckenberg-Gesellschaft in Frankfurt seine Theorie zur Kontinentalverschiebung vorstellte, erntete er nur Spott. Die wissenschaftlichen Honoratioren der Zeit taten die Erkenntnisse des Marburger Meteorologen als Humbug ab. Wegeners Behauptung, die Erdteile seien bewegliche Platten, die beständig auseinanderdrifteten, erschien allzu abstrus. Jahrzehnte sollte es dauern, bis Wegeners Theorie der Plattentektonik anerkannt wurde.
Das ist nur ein Aspekt aus dem bewegten Leben des ruhelosen Forschers, der auf einigen Gebieten brillierte. Wettererscheinungen wie Wirbelstürme, Meteoriteneinschläge oder Temperaturveränderungen am Nordpol - Wegener befasste sich mit Naturphänomenen aller Art und war dabei der zeitgenössischen Forschung oft einen kleinen Schritt voraus. Er war nicht unbedingt ein verkanntes Genie, aber ein unerbittlicher Forschergeist. So jedenfalls stellt ihn Jo Lendle in seinem Roman dar. "Alles Land" ist Wissenschaftsgeschichte und Abenteuerroman, eine literarische Reise durch ein aufregendes Forscherleben.
Der Kölner Autor, Jahrgang 1968, prescht durch Wegeners Vita, die im Brandenburgischen beginnt und im ewigen Eis endet. Schlaglichtartig wirft er einen Blick auf Lebensstationen des 1880 geborenen Pastorensohnes, die Wurzeln für seinen unbändigen Forscherdrang sucht Lendle in der Kindheit. Nach einem Meteorologiestudium sucht Wegener Kontakt zu Forschergrößen der Zeit. 1906 stellt er mit seinem älteren Bruder einen neuen Weltrekord im Ballonweitflug auf, im gleichen Jahr schließt er sich einer zweijährigen Expedition nach Grönland an - seine Erfahrungen mit dem ewigen Eis werden zur Initialzündung für seine Theorien.
Lendle folgt Wegener durch Familienleben, Vorlesungssäle und Schneelandschaften. Frühe Kindheitserlebnisse deutet er als Antrieb für Wegeners spätere wissenschaftliche Erkundungen und lässt ihn auf seiner Grönland-Expedition nach wochenlanger Einsamkeit erste Überlegungen zur Plattentektonik anstellen. 50 Jahre alt ist der dreifache Familienvater 1930, als er noch einmal dem Drang nachgibt, im ewigen Eis Grönlands seine Theorien zu belegen - es wird seine letzte Reise. Lendle nähert sich respektvoll seiner Hauptfigur, an dessen Lebensdaten er entlang schippert. Das Ruder überlässt er dabei weitgehend der Fiktion, die den Leser poetisch durch das Geschichtenmeer schaukelt. (Anke Breitmaier) (© AP)





