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Deutsche Börse ist auch ohne Fusion gut aufgestellt

veröffentlicht am 30.01.2012


Knapp ein Jahr ist es her, dass Deutsche Börse und NYSE Euronext überraschend ihre Fusion ankündigten. Jetzt ist die Woche der Entscheidung gekommen und das transatlantische Projekt wird wahrscheinlich auf Grund laufen. Am Mittwoch werden in Brüssel alle 27 EU-Kommissare zusammenkommen und entsprechend der Empfehlung von Wettbewerbskommissar Joaquin Almunia das Vorhaben wohl stoppen.

 

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Frankfurt - Knapp ein Jahr ist es her, dass Deutsche Börse und NYSE Euronext überraschend ihre Fusion ankündigten. Jetzt ist die Woche der Entscheidung gekommen und das transatlantische Projekt wird wahrscheinlich auf Grund laufen. Am Mittwoch werden in Brüssel alle 27 EU-Kommissare zusammenkommen und entsprechend der Empfehlung von Wettbewerbskommissar Joaquin Almunia das Vorhaben wohl stoppen.


Die Deutsche Börse muss dennoch kein Trübsal blasen, denn auch so stehen ihre Chancen gut. Sie ist in Europa gut aufgestellt und kann jetzt interessante Wachstumsziele in Asien oder Südamerika verfolgen. Und die zuletzt positive Marktreaktion deutet darauf hin, dass auch Börsenchef Reto Francioni bei einem Scheitern in Brüssel wenig zu befürchten hätte.


Sein Vorhaben, mit der NYSE zu einem europäischen Champion und veritablen globalen Wettbewerber aufzusteigen, war sicher erfolgversprechend - allerdings zum Preis verlorener Unabhängigkeit. Aber auch auf eigenen Füßen ist die Ausgangsposition der Frankfurter hervorragend. Die unter dem NYSE-Dach stehenden Börsen in Paris, Brüssel, Amsterdam und Lissabon sind nur noch ein Schatten früherer Tage - was einige auch als Menetekel für die Deutsche Börse befürchtet hatten. Die skandinavischen Börsen blühen unter dem Mantel der Nasdaq nicht auf und auch die Londoner Börse verbreitet mit ihrer Konzentration auf das immer weniger profitable Aktiengeschäft wenig Schrecken.


Die Frankfurter sind dagegen mit ihrem integrierten Geschäftsmodell gut aufgestellt. Sie bieten ihren Kunden die gesamte Wertschöpfungskette des Börsengeschäfts vom Handel über die Abwicklung bis zur Verwahrung. Mit der Eurex gehört dem Konzern die größte europäische Derivatebörse. Die dort getätigten Absicherungsgeschäfte mit Optionen und Futures zählen zu den gewinnträchtigsten für die Börsen und gelten deshalb als wichtigster Zukunftsmarkt.


Mit der Tochter Clearstream ist die Deutsche Börse im Nachhandelsbereich bereits sehr erfolgreich. Europas größter Dienstleister seiner Art wickelt täglich über 250.000 Transaktionen ab und verwahrt Kundenvermögen im Wert von rund elf Billionen Euro. An der extrem profitablen Clearstream zeigt sich auch, wie sehr das Geschäft schon jetzt global ausgreift. Der größte Teil ihrer Erträge wird international erzielt, davon wiederum rund ein Fünftel in Asien. Und dort liegt die Zukunft, wie Francioni zuletzt auf dem Neujahrsempfang des Unternehmens feststellte.


In der Boom-Region lag das Aktienhandelsvolumen im vergangenen Jahr bereits rund 70 Prozent über dem der Börsen Westeuropas. Und bei den Börsengängen verbuchten allein die drei großen chinesischen Börsen ein Emissionsvolumen von 57 Milliarden Euro - mehr als doppelt so viel wie sämtliche Börsen Europas. Für Christian Muschick, Analyst bei Silvia Quandt Research, ist "Asien mittelfristig ein interessantes Wachstumsfeld, aber auch Südamerika."


Fusionen gelten in diesen Regionen jedoch als wenig aussichtsreich. Denn in den meisten Schwellenländern gibt es Ängste vor einem Ausverkauf ihrer Börsen. Ziel dürften deshalb vor allem Kooperationen und Joint Ventures sein. Aber beim Wettlauf in diese Region strecken auch die Wettbewerber CME, ICE und Nasdaq OMX bereits ihre Fühler aus.


Denkbar sind etwa Technologie-Partnerschaften, in denen die Börse für ihre Handelsplattformen oder Nachhandels-IT Lizenzgebühren oder Börsenanteile erhält. Auch im Derivatebereich bieten sich Kooperationen an. Vorbild könnte die schon existierende Zusammenarbeit der Frankfurter mit der Börse in Seoul sein. Dabei bieten die Börsen wechselseitig auch deutsche und koreanische Produkte an, die damit über den Tag länger handelbar sind. 2011 war die Indexoption auf den Kospi-200 schon der am drittstärksten gehandelte Kontrakt an der Eurex.


Mit Schwellenländerbörsen, die noch keinen Derivatemarkt anbieten, wären dagegen Joint Ventures denkbar. Die Deutsche Börse könnte ihr technisches Knowhow einbringen und die Partner ihre jeweiligen Indizes und gelisteten Aktien beisteuern.


Weitere Akquisitionen, etwa in Osteuropa, erscheinen dagegen wenig attraktiv. "Das sind meist reine Aktienbörsen die nur wenig Wachstumspotenzial verheißen", sagte Muschick. Interessanter wäre aus seiner Sicht, wenn die Deutsche Börse ihren 56%-Anteil an der Leipziger Energiebörse EEX aufstocken würde. Denn im Strom- und Energiehandel stiegen die Volumina.


Noch bedeutsamer für das operative Geschäft der Deutschen Börse wäre jedoch, im Derivatebereich den bisher außerbörslichen Handel für sich zu gewinnen. Dieser findet meist unter Banken statt und ist außerordentlich profitabel. Angesichts der Erfahrungen in der Finanzkrise spricht politisch viel dafür, dieses Geschäft in transparente und regulierte Börsen zu ziehen. Mit der Initiative der EU zur Finanzmarktregulierung (MiFID) gibt es bereits Ansätze dazu, die in den nächsten Jahren umgesetzt werden dürften. Aber auch die Deutsche Börse müsste geschickt vorgehen, damit das Geschäft nicht an ihr vorbei auf neuen multilateralen Plattformen landet. Der Lohn wäre verheißungsvoll: "Das könnte die Eurex-Umsätze potenziell vervielfachen", sagte Muschick.


Bleibt das persönliche Schicksal von Börsenchef Reto Francioni. Wird es unter der gescheiterten Fusion leiden? Andreas Pläsier, Analyst bei Warburg Research, glaubt das nicht. Zum einen sei der Markt offenbar froh, dass die Fusion nicht zustande komme. Zum anderen sei der Fehlschlag kaum Francioni anzulasten. Tatsächlich sei der harte Widerstand der EU-Wettbewerbshüter und deren enge Marktdefinition für den Derivatemarkt nicht vorhersehbar gewesen - auch von ihm nicht. Druck von Seiten der Anteilseigner erwartet er deshalb nicht. Bei früheren Fusionsgesprächen etwa mit der Londoner Börse hätten die Hedge-Fonds noch viel Lärm gemacht. "Das sehe ich im Moment nicht", sagte Pläsier.


Die Aktionäre der Deutschen Börse dürften sich jetzt stattdessen wieder der durchaus erfreulichen Geschäftsentwicklung widmen, über die der Börsenbetreiber in zwei Wochen berichten wird. Analysten gehen sogar überwiegend davon aus, dass die eigentlich nur für den Fall einer erfolgreichen Fusion ausgelobte Sonderdividende von zwei Euro je Aktie trotzdem ausgezahlt wird. Pläsier begründet dies mit der starken Cashflow-Entwicklung, nachdem die Handelsaktivität im vergangenen Jahr deutlich zugelegt hatte.


Auch die Reaktion des Aktienkurses auf das immer wahrscheinlichere Scheitern der Fusion zeigte, dass von Seiten der Anteilseigener wenig Unmut droht. In der Vorwoche legten die Papiere um über acht Prozent zu, während der DAX nur um zwei Prozent voranschritt. Händler zeigten sich zuversichtlich, dass die Deutsche Börse auch ohne amerikanischen Partner gut für die Zukunft gerüstet ist. Zudem sind sie erleichtert, dass die Fusionspartner nicht weitere Zugeständnisse an die EU machten, mit denen das Projekt letztlich unrentabel geworden wäre.


Die Wettbewerbshüter lehnen die Fusion ab, weil sie beim börsengebundenen Derivatehandel ein Monopol befürchten. Mit ihren Tochtergesellschaften Eurex und Liffe wären beide hier auf einen Marktanteil von über 90 Prozent gekommen. Alle Einwände, dass dieser Markt global und einschließlich des außerbörslichen Handels betrachtet werden müsse, hat die EU beiseite gewischt. Auch die von beiden Börsenbetreibern angebotenen Zugeständnisse haben diesen Grunddissenz nicht beseitigt.  (© Dow Jones)


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