UPDATE3: Schuldenkrise macht Siemens zu schaffen

veröffentlicht am 24.01.2012


Europas größter Technologiekonzern Siemens stimmt die Aktionäre auf schwierigere Zeiten ein. Die Schuldenkrise in Europa macht den Münchenern genau wie den Konkurrenten zu schaffen, das Geschäft hat sich in den vergangenen Monaten wegen der problematischen wirtschaftlichen Großwetterlage merklich eingetrübt. Auch für das Gesamtjahr gibt sich der Industriegigant vorsichtig.

 

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München - Europas größter Technologiekonzern Siemens stimmt die Aktionäre auf schwierigere Zeiten ein. Die Schuldenkrise in Europa macht den Münchenern genau wie den Konkurrenten zu schaffen, das Geschäft hat sich in den vergangenen Monaten wegen der problematischen wirtschaftlichen Großwetterlage merklich eingetrübt. Auch für das Gesamtjahr gibt sich der Industriegigant vorsichtig.


"2012 wird kein leichtes Jahr. Auch wenn in der zweiten Jahreshälfte eine Erholung erwartet wird, müssen wir hart arbeiten, um unsere Ziele zu erreichen", sagte Vorstandschef Peter Löscher auf der Hauptversammlung.


Siemens will die Einnahmen 2011/12 dank des Rekord-Auftragsbestands moderat steigern. Laut Löscher wird aber wohl eher ein Umsatzplus am unteren Ende der Zielbandbreite von 3 bis 5 Prozent erreicht. Beim Ergebnis aus dem fortgeführten Geschäft rechnet der DAX-Konzern mit etwa 6 Milliarden Euro. Im Vorjahr waren es rund 7 Milliarden Euro inklusive eines gut eine Milliarde schweren Einmalertrags.


"Wie erwartet hat sich die Verfassung der Weltwirtschaft auch in unseren Geschäftszahlen für das erste Quartal niedergeschlagen", erklärte Löscher mit Blick auf die Monate Oktober bis Dezember. Sorgen vor Kreditengpässen hätten die Investitionsbereitschaft gedämpft, die öffentlichen Budgets seien angespannt. Die Einnahmen legten dank des prall gefüllten Orderbuchs zwar noch leicht zu. Neubestellungen und Gewinne gerieten jedoch unter Druck. Der für die Prognose relevante Gewinn aus dem fortgeführten Geschäft schrumpfte um gut ein Viertel auf knapp 1,4 Milliarden Euro.


Auf den Erträgen lasteten im ersten Quartal einmal mehr Sondereffekte: Sorgen bereiten den Münchenern vor allem Windpark-Großprojekte in der Nordsee. Siemens baut im Auftrag des niederländischen Netzbetreibers TenneT vier von insgesamt sieben Umspannplattformen vor der deutschen Küste, durch die der auf See erzeugte Strom in die Netze eingespeist wird. Da das Projekt nur langsam vorankommt, wurde im Auftaktquartal eine Belastung von gut 200 Millionen Euro gebucht.


Die Quartalszahlen fielen alles in allem schwächer als von Analysten erwartet aus. Am Aktienmarkt kamen die Ergebnisse deshalb nicht gut an: Die Aktie verlor 3,4 Prozent auf 75,70 Euro und war damit einer der größten Verlierer im deutschen Leitindex DAX.


Ursächlich für die Rückgänge bei Auftragseingang und Gewinn sind nicht nur die problematische Wirtschaftslage und Sondereffekte, sondern auch die starke Entwicklung im Vorjahresquartal. Damals spürte Siemens durch die Erholung von der schweren Krise viel Rückenwind. Mit solchem Anschub ist kurzfristig nicht wieder zu rechnen: "Wir erwarten für das zweite Quartal weiterhin ein schwieriges Umfeld", sagte Löscher. Erst danach könne die allmähliche Erholung einsetzen.


Von einer schwierigen Lage in Europa können auch die Siemens-Wettbewerber ein Lied singen: So enttäuschte General Electric Ende vergangener Woche mit flauen Quartalszahlen. Vor allem das Geschäft in Europa und mit Medizintechnik lief bei den Amerikanern schlechter als erwartet. Aus dem gleichen Grund hatte der niederländische Philips-Konzern einige Tage zuvor die zweite Gewinnwarnung binnen eines Jahres ausgegeben.


Allzu schlimm dürfte es aber nicht kommen. Löscher sagte, der alte Kontinent werde allenfalls in eine leichte Rezession abgleiten. In den frühzyklischen Geschäftsbereichen wie der Automatisierungstechnik laufe es nach wie vor gut. "Die Realwirtschaft ist viel robuster als die extrem volatilen Finanzmärkte." Vor allem das Großprojektgeschäft im Süden Europas entwickele sich dagegen schwach.


Löscher appellierte an die Politik, schnell Lösungen für die Schuldenkrise zu finden: "Kurzfristige Maßnahmen wie der Schuldenschnitt für Griechenland oder die Stärkung des Euro-Rettungsschirms sind notwendig, um die unmittelbare Krise zu bewältigen und Vertrauen zurückzugewinnen". Europa sei ein Wachstumsmotor, der Euro eine Erfolgsgeschichte.


Hoffnung macht dem Siemens-Chef momentan vor allem die US-Konjunktur. Denn dort sei die Lage mittlerweile besser als vor einigen Monaten befürchtet. Wachstumslok würden in nächster Zeit aber die Schwellenländer bleiben. Siemens sei gut gerüstet für das erwartete Anziehen der Weltwirtschaft. Das ambitionierte Vorhaben, mittelfristig die 100-Milliarden-Marke beim Umsatz zu knacken, bekräftigte er.


Stehen auf Siemens-Hauptversammlungen nicht selten die Zeichen auf Sturm, verläuft das Aktionärstreffen in diesem Jahr eher beschaulich. Zumindest im Vergleich mit den Zeiten der Korruptionsaffäre, die das Industriekonglomerat nicht nur mehrere Milliarden, sondern auch vorübergehend den guten Ruf kostete. Die Anteilseigner, die mit rund 38,5 Prozent des Grundkapitals vertreten waren, stellten dem Management insgesamt ein gutes Zeugnis aus, erneuerten allerdings ihre Forderung nach einer höheren Dividende oder einer Sonderausschüttung.


Hans-Martin Buhlmann von der Vereinigung Institutioneller Privatinvestoren bespielsweise kritisierte, dass der Aktionsärsbonus nicht der Qualität der Ergebnisse entspreche. "Sie sind nicht Dagobert Duck, sie sollten entweder mit der Liqudität arbeiten oder sie ausschütten", forderte auch Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Per Ende des ersten Quartals hatte Siemens knapp 9 Milliarden Euro an liquiden Mitteln auf der hohen Kante. Zum Geschäftsjahresende waren es sogar 12,5 Milliarden Euro gewesen. Die Münchener lösten dann unter anderem aber eine milliardenschwere Anleihe ab.


"Siemens hat viel zu viel Kasse", sagte auch Ingo Speich von Union Investment, der Fondsgesellschaft der Volks- und Raiffeisenbanken. Er forderte das Management auf, nicht um jeden Preis auf Umsatzwachstum zu setzen: "Halten Sie die Profitabilität fest im Blick. Das war nicht immer der Fall", gab er der Führungsriege mit auf den Weg. In der jetzigen Phase müsse der Vorstand beweisen, dass die Geschäfte nicht nur bei Schönwetterkonjunktur laufen.  (© Dow Jones)



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