Das Werden eines Schriftstellers
veröffentlicht am 05.01.2012

Am 24. Januar jährt sich ihr Geburtstag zum 150. Mal - höchste Zeit, Edith Whartons Werk wiederzuentdecken.
Berlin - Am 24. Januar jährt sich ihr Geburtstag zum 150. Mal - höchste Zeit, Edith Whartons Werk wiederzuentdecken. In ihrer Heimat Amerika gilt die Schriftstellerin als Grande Dame der Literatur. 1921 wurde ihr als erster Frau für "Zeit der Unschuld" der Pulitzer Preis verliehen, die 1937 verstorbene Autorin war eine einflussreiche Intellektuelle ihrer Zeit. Ihre Kindheit wurde geprägt von den engstirnigen Wertmaßstäben der gehobenen Gesellschaftsschichten, deren sinistre Doppelmoral sie später schriftstellerisch entlarvte. Eine unglückliche Ehe, viele Reisen, Kontakte zu wichtigen Persönlichkeiten und Erfahrungen als Kriegsberichterstatterin - Whartons Erlebnisrepertoire war für damalige Verhältnisse äußerst umfangreich. Etliche Romane, Erzählungen und Novellen umfasst ihr Werk, das zu Unrecht bisweilen in die triviale Ecke gedrängt wurde.
"Ein altes Haus am Hudson River", erstmals 1929 erschienen, ist ein Großwerk in bester amerikanischer Erzählmanier. Es ist die facettenreiche Geschichte eines jungen Mannes, der - ausgestattet mit den Wertemaßstäben der Provinzelite - seinen Weg findet. Und es ist die detaillierte Beschreibung einer Schriftstellerlaufbahn Anfang des 20. Jahrhunderts.
Vance Weston soll das Mittelstandsimperium seines Vaters weiterführen, doch der empfindsame junge Mann weiß, dass er dafür nicht geschaffen ist. Bei einem Aufenthalt bei verarmten Verwandten in der Nähe von New York entdeckt er die Literatur. Ein altes Haus mit riesiger Bibliothek wird zum Ort seiner poetischen Erweckung, im Schreiben erkennt er ein Ventil für seine innere Unruhe. Im hormonellen Gefühlsüberschwang heiratet er ein blutjunges Mädchen und heuert als Redakteur einer Zeitschrift an. Seine erste Erzählung wird ein großer Erfolg, schnell gerät Vance jedoch in die Fänge der Buchindustrie. Die Verantwortung für seine kranke Frau und ständige Geldsorgen zermartern ihn, auch der Besitzer der Zeitschrift setzt Vance unter Druck. Für dessen Frau schwärmt Vance heimlich, sie erkennt seine Begabung und unterstützt ihn - als Muse und Fürsprecherin.
Wharton blickt tief in eine Künstlerseele, stilsicher hantiert sie mit kitschigen Elementen, virtuos platziert sie gefühlvolle Szenen. Der ironische Unterton, die dezenten Spitzen gegen die Tyrannei der Konventionen und eine altertümliche Dramatik machen diesen erstmals in deutscher Übersetzung vorliegenden Roman zu einem kostbaren Lesevergnügen. (Anke Breitmaier) (© AP)





