Grass: Christa Wolfs Bücher sind von Dauer
veröffentlicht am 13.12.2011

In Berlin-Tiergarten haben Verwandte, Schriftstellerkollegen und zahlreiche Leser Abschied von Christa Wolf genommen. Auf einer Gedenkveranstaltung in der Akademie der Künste am Dienstagabend erinnerten sie an das Werk der Verstorbenen.
Berlin - In Berlin-Tiergarten haben Verwandte, Schriftstellerkollegen und zahlreiche Leser Abschied von Christa Wolf genommen. Auf einer Gedenkveranstaltung in der Akademie der Künste am Dienstagabend erinnerten sie an das Werk der Verstorbenen.
Literaturnobelpreisträger Günter Grass nahm die Veranstaltung zum Anlass für eine scharfe Abrechnung mit dem westdeutschen Feuilleton. Bedeutende und gewichtige Zeitungen wie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" hätten schon 1990 "unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit" Verleumdungen gegen Christa Wolf gerichtet und zum Teil versuchten Rufmord begangen, in dem sie ihre vermeintliche Staatsnähe in der DDR kritisierten oder ihr sogar wohlfeile "Gesinnungsliteratur" unterstellten. Diese "Kampagne" sei nie wirklich abgeebbt und ziehe sich selbst bis in einige Nachrufe.
Wolf war am 1. Dezember im Alter von 82 Jahren verstorben.
Grass sagte, Wolf sei 1990 "niedergemacht" worden, obgleich sie zu Zeiten der deutschen Teilung auf beiden Seiten gehört und gemocht worden sei. Grass sprach von "Niedertracht" und einem "Ausmaß heuchlerischer Unmut aus sicheren Redaktionsstuben". Die Hoffnung, dass sich die Wortführer von einst nun nach Wolfs Tod entschuldigten, sei wohl vergeblich. "Doch offensichtlich fehlt ihnen das, was man Selbstzweifel nennt. Etwas, das Christa Wolf lebenslang im Überfluss besessen hat", sagte Wolf
Grass sagte, was wirklich bleibe, seien dagegen die Bücher von Christa Wolf. "Grenzüberschreitende, grenzüberwindende Bücher, die von Dauer sind", schloss er.
Berlins Regierender Bürgermeister und Kultursenator Klaus Wowereit (SPD) würdigte als eine in der und für die Gesellschaft engagierte Literatin. Sie habe versucht, Wahrhaftigkeit zu leben.
"Christa Wolfs literarisches Werk gehört zu dem bedeutendsten im deutschsprachigen Raum und darüber hinaus. Auch wenn sie über den geteilten Himmel schrieb: Für sie gab es nur eine Welt und eine Menschheit. Sie war eine gesamtdeutsche Schriftstellerin", sagte Wowereit er in Anspielung auf ihren 1963 erschienenen Roman "Der geteilte Himmel". Berlin habe eine große Schriftstellerin verloren.
Der Theologe Friedrich Schorlemmer sagte: "Christa Wolf konnte Freundschaft aushalten, Widerspruch aushalten und Haltung behalten." In Anspielung auf die 1993 bekannt gewordene kurze Zusammenarbeit Wolfs mit der Staatssicherheit zwischen 1959 und 1962 betonte er, sie habe niemanden verraten - auch sich selbst nicht. "Die Hechelmeute schere sich davon!", rief Schorlemmer. Er charakterisierte Wolf als Menschen mit "wachem Einspruch", der es zugleich vermocht habe, "warmherzigen Zuspruch" zu verteilen.
Schorlemmer hatte mit Wolf Ende wenige Wochen nach der friedlichen Revolution 1989 den Aufruf "Für unser Land" unterzeichnet, der zum Bleiben in der DDR und zur gemeinsamen Neugestaltung des Landes aufrief.
Die Schriftstellerin Daniela Dahn bezeichnete ihre enge Freundin Christa Wolf als moralische Leitfigur. "Ich weiß keinen Trost dafür, dass Christa Wolf nicht mehr lebt, außer dem, dass sie gelebt hat", sagte sie.
Der Schriftsteller Christoph Hein verwies auf Wolfs bleibendes Werk. Wolf habe einen neuen Ton in die deutsche Literatur gebracht. Er würdigte Wolfs Kollegialität und Menschlichkeit. Auch angesichts einer oft "überwältigenden Zuneigung" ihrer Leser sei sie stets ruhig und geerdet geblieben.
Christa Wolf war am Dienstagvormittag im Beisein ihrer Familie auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin-Mitte beigesetzt worden. Hunderte Menschen erwiesen ihr die letzte Ehre. Die Totenrede hielt der Dramatiker Volker Braun. (© AP)




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