"Ein Quantensprung für Polen"
veröffentlicht am 30.11.2011

Navigationsgeräte konnten Autofahrer an dieser Stelle durchaus in Panik versetzen. "Wenn möglich, kehren Sie bitte sofort um!", plärrte es kurz hinter der deutsch-polnischen Grenze aus den Maschinen. Die Technik hatte kein Verständnis dafür, dass bei Swiecko die Autobahn endete und eine streckenweise abenteuerliche Umleitung begann.
Warschau - Navigationsgeräte konnten Autofahrer an dieser Stelle durchaus in Panik versetzen. "Wenn möglich, kehren Sie bitte sofort um!", plärrte es kurz hinter der deutsch-polnischen Grenze aus den Maschinen. Die Technik hatte kein Verständnis dafür, dass bei Swiecko die Autobahn endete und eine streckenweise abenteuerliche Umleitung begann.
Doch mit den Alarmrufen aus dem GPS-Empfänger ist es nun ebenso vorbei wie mit Querfeldein-Fahrten und kilometerlangen Staus. Ein rund 106 Kilometer langes Autobahnteilstück auf der Strecke zwischen den Hauptstädten Berlin und Warschau wird an diesem Donnerstag für den Verkehr freigegeben. Von Swiecko an rollt der Verkehr dann über eine vierspurige Piste bis nach Posen und weiter ins zentralpolnische Lodz. Dort endet die Autobahn A 2 zwar vorerst. Doch im Mai 2012, rechtzeitig zur Fußball-Europameisterschaft in Polen und der Ukraine, soll auch der letzte, etwa 90 Kilometer lange Abschnitt bis Warschau befahrbar sein.
Für private Pkw-Reisende ist die Freigabe des westlichen Teilstücks eine ebensolche Erleichterung wie für das Transportgewerbe und die Import-Export-Wirtschaft in Polen, Deutschland und darüber hinaus. Denn das Nadelöhr im Herzen des Kontinents gehörte zu den größten Hindernissen im europäischen Ost-West-Verkehr überhaupt. Stundenlanges Warten im Stau war zwischen Swiecko und Nowy Tomysl 50 Kilometer vor Posen eher die Regel als die Ausnahme. Doch selbst wer flüssig durchfahren konnte, brauchte von der Odergrenze zweieinhalb Stunden für die 160 Kilometer bis in die Messestadt Posen. Die Fahrzeit dürfte sich nun mehr als halbieren. Das dürfte es Autofahrern und Spediteuren erleichtern, rund fünf Euro Maut für den Transit auszugeben, die ab Mai 2012 auf dem neuen Teilstück fällig werden. Bis Warschau soll die Wegegebühr künftig 25-30 Euro betragen.
An der Mautpflicht führte von Anfang an kein Weg vorbei. Die Infrastruktur in Polen ist mehr als 20 Jahre nach dem Ende des Kommunismus noch immer in einem beklagenswerten Zustand. Um dies zu ändern, hat die Regierung beim Autobahnbau in Westpolen private Investoren ins Boot geholt. Nach dem Modell "Private-Public-Partnership" (PPP) betreibt dort für 25 Jahre das private Konsortium "Autostrada Wielkopolska" die Strecke. Wichtigster Anteilseigner ist der Finanzinvestor Jan Kulczyk, der als reichster Unternehmer Polens gilt.
Nicht alle Menschen in Polen sind von dem PPP-Prinzip überzeugt. "Ist ein Betreiber wie Kulczyk, der den Profit seiner Holding im Sinn hat, wirklich zuverlässig?", fragen Kritiker. Fürs Erste aber bleibt festzuhalten, dass der Bau der A2 in Westpolen eines der wenigen Infrastrukturprojekte im Land ist, die ohne Verzögerung realisiert wurden. Ebenso unstrittig ist, dass es weiteren Modernisierungsbedarf gibt. Während in vergleichbaren europäischen Ländern wie Frankreich, Schweden und Spanien zwischen 17 und 27 Autobahnkilometer auf 100.000 Einwohner kommen, ist es in Polen ein einziger.
Um Kosten und Nutzen in Einklang zu bringen, wollte die Regierung in Warschau auch beim Bau eines weiteren Abschnitts der A2 neue Wege beschreiten. Für zwei 30 und 20 Kilometer lange Teilstücke zwischen Lodz und Warschau heuerte das Infrastrukturministerium das chinesische Konsortium Covec an. Es sollte eine Premiere in Europa werden. Die Asiaten versprachen, die 50 Kilometer Autobahn zum Discountpreis von 300 Millionen Euro zu bauen, obwohl in der Projektskizze mehr als das Doppelte veranschlagt war. Mit diesem Preisangebot konnte kein europäisches Unternehmen mithalten.
Allerdings hatten weder die Regierung noch die Planer bei Covec mit dem "patriotischen" Widerstand polnischer Subunternehmer gerechnet. Die weigerten sich kurzerhand, für die Chinesen zu arbeiten. Oder sie verlangten Preise für die Bereitstellung von Maschinen, die das Billigbudget der Asiaten sprengten. Im Frühsommer dieses Jahres gaben die Chinesen auf. Nun bauen europäische Konsortien die A 2 weiter. Die Kosten sollen um 100 bis 150 Millionen Euro über dem Covec-Preis liegen. Ob es gelingt, die Straße wie angekündigt bis zur Fußball-Europameisterschaft im Juni 2012 fertigzustellen, hängt vor allem von den Witterungsbedingungen im Winter ab.
Bis in den EM-Spielort Posen aber werden deutsche, niederländische oder britische Fans im kommenden Jahr dank des neuen Teilstücks der A2 in jedem Fall problemlos fahren können. Die Europameisterschaft war auch der unmittelbare Anlass für den Bau. Außer der A2 sollten bis zu dem sportlichen Großereignis rund 3000 Straßenkilometer neu entstehen. Hinzu kommen sollten ein Ausbau der Flughäfen und der innerstädtischen Infrastruktur in den Spielorten Breslau, Danzig, Posen und Warschau sowie die Sanierung von Bahnhöfen und Gleisen für den Schienenverkehr. Rund die Hälfte der Pläne wurde allerdings aus Geld- und Zeitmangel eingestampft oder verschoben.
Dennoch bedeutet das Erreichte "für Polen einen Quantensprung", wie es Jakub Borowski, der Chefvolkswirt der polnischen Invest-Bank formuliert. Dem seit Jahren anhaltenden Dauerwachstum in dem osteuropäischen Wirtschaftswunderland wird die Modernisierung nach Einschätzung Borowskis weitere Impulse verleihen. Besichtigen kann man diesen Effekt ab Donnerstag auf der A2 östlich der Oder. Dann sollen dort zwischen Swiecko und Nowy Tomysl täglich rund 4000 Lkw über die neue Straße rollen, statt im Stau zu stehen. (© AP)




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