Wirbel um Vernichtung historischer Akten im BND
veröffentlicht am 29.11.2011

Beim Auslandsgeheimdienst BND sind im Jahr 2007 offenbar historisch wertvolle Akten vernichtet worden. Darauf machte am Dienstag die im Februar eingesetzte vierköpfige Historikerkommission aufmerksam, die in den kommenden Jahren die Frühgeschichte des Bundesnachrichtendienstes durchleuchten soll. Dort waren zunächst zahlreiche Nazis beschäftigt worden.
Marburg/Berlin - Beim Auslandsgeheimdienst BND sind im Jahr 2007 offenbar historisch wertvolle Akten vernichtet worden. Darauf machte am Dienstag die im Februar eingesetzte vierköpfige Historikerkommission aufmerksam, die in den kommenden Jahren die Frühgeschichte des Bundesnachrichtendienstes durchleuchten soll. Dort waren zunächst zahlreiche Nazis beschäftigt worden. Jetzt sollen die Forscher Jost Dülffer (Köln), Rolf-Dieter Müller (Potsdam), Klaus-Dietmar Henke (Dresden) und Wolfgang Krieger (Marburg) die Zeit zwischen 1945 und 1968 aufarbeiten.
Erste Recherchen zeigten, dass unter den vernichteten Akten auch Unterlagen von Personen gewesen seien, die in der NS-Zeit "signifikante geheimdienstliche Positionen" hatten, darunter in der SS, dem Sicherheitsdienst SD oder der Gestapo. "Darunter befinden sich auch BND-Mitarbeiter, gegen die der BND in den sechziger Jahren selbst Ermittlungen wegen schwerer NS-Belastung durchgeführt hatte", sagte Kommissionssprecher Henke der Nachrichtenagentur dapd in Berlin.
Die Akten waren den Angaben zufolge vom BND als belanglos eingestuft worden. Dass den Akten "kein bleibender historischer Wert beizumessen gewesen sei, hat sich als nicht stichhaltig erwiesen", sagte Henke. Personen, die beim sogenannten Englandspiel dabei waren, als die Nationalsozialisten in den niederländischen Widerstand einbrachen, oder als NS-Männer jüdische Synagogen anzündeten, seien historisch betrachtet durchaus wertvoll.
Unter den vernichteten Akten sind laut Henke auch solche über Personen gewesen, die selbst der BND für zu kriminell gehalten habe, um nach dem Zweiten Weltkrieg beim neuen bundesdeutschen Geheimdienst beschäftigt zu werden. Die Kommission habe den BND aufgefordert, keine Unterlagen mehr ohne Rücksprache mit dem Historikergremium zu vernichten.
Vorbild der BND-Kommission ist das Auswärtige Amt, wo der frühere Außenminister Joschka Fischer (Grüne) seinerzeit eine Historikerkommission eingesetzt hatte. Ihr Bericht ergab, dass das Amt systematisch an der Judenvernichtung beteiligt war. Die Karrieren von Nazi-Diplomaten gingen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs "bruchlos" weiter. Jetzt sollte zum Ende der Amtszeit von BND-Präsdient Ernst Uhrlau auch der Bundesnachrichtendienst den Blick in seine "braune" Vergangenheit freigeben.
"Gründervater" des BND war der Weltkriegsgeneral Reinhard Gehlen, der für Adolf Hitler mit der Wehrmachtsabteilung "Fremde Heere Ost" Informationen über die sowjetische Armee sammelte. Nach Kriegsende hatte Gehlen alte Kameraden in der "Organisation Gehlen" - dem Vorläufer des BND - um sich gesammelt. Viele von ihnen waren vorher in der SS oder bei dem berüchtigten Reichssicherheitshauptamt, der Zentrale des organisierten Völkermordes an den Juden, im Einsatz. (© AP)




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