(Aktualisiertes Feature vom Dienstag) Ein Haus zum Nachdenken über Gewalt und Hass
veröffentlicht am 14.10.2011

Zwei kleine Worte, "love" und "hate", flitzen im Eingangsbereich des Militärhistorischen Museums in Dresden hundertfach über eine Wand. Mal wird in der Videoinstallation ein "love" von einer paar "hates" umzingelt, mal überrennen Dutzende "loves" ein "hate". "Dass am Eingang eines militärhistorischen Museums eine Kunstinstallation und kein Panzer steht, ist ein Experiment", sagt der Wissenschaftliche Leiter des Museums, Gorch Pieken.
Dresden - Zwei kleine Worte, "love" und "hate", flitzen im Eingangsbereich des Militärhistorischen Museums in Dresden hundertfach über eine Wand. Mal wird in der Videoinstallation ein "love" von einer paar "hates" umzingelt, mal überrennen Dutzende "loves" ein "hate". "Dass am Eingang eines militärhistorischen Museums eine Kunstinstallation und kein Panzer steht, ist ein Experiment", sagt der Wissenschaftliche Leiter des Museums, Gorch Pieken. "Ich finde, es ist ein starkes Zeichen. Schließlich geht es in diesem Museum auch um Hass."
Vor dem Kunstwerk steht am Freitag der Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU). Es ist der Tag der feierlichen Eröffnung, gerade hat der Minister als einer der ersten die neue Ausstellung besucht. Auf die Besonderheit dieses Museums angesprochen, einem der größten Militärmuseen Europas, sagt er, in anderen Armeemuseen stelle man nur Ausrüstung aus. In diesem gehe es zudem um den Menschen und seine Rolle in der Geschichte.
Das historische Gebäude, in den 1870er-Jahren als Waffendepot in der Dresdner Albertstadt erbaut, gehört seit 1990 der Bundeswehr. Zuvor hatte es das Armeemuseum der DDR beherbergt. 1994 fiel der Entschluss, es zum Leitmuseum der Bundeswehr zu machen. Ein Gremium von Wissenschaftlern entwickelte das Konzept für eine völlige inhaltliche Neuausrichtung. Umgesetzt wurden die sowie der umfassende Umbau vom New Yorker Architekten Daniel Libeskind, bekannt unter anderem als Gestalter des Jüdischen Museums in Berlin, und zwei auf Museumsgestaltung spezialisierten Architektenbüros.
Entstanden sind auf 10.000 Quadratmetern zwei Museen in einem: Im Altbau wird die deutsche Militärgeschichte vom Mittelalter bis zu den heutigen Einsätzen der Bundeswehr thematisiert. So ist in einer der riesigen Vitrinen ein Geländewagen ausgestellt, der 2004 in Kundus von einem Sprengsatz getroffen wurde. Drei Soldaten wurden schwer verletzt. "Geschichte reicht in die Gegenwart, das erleben wir hier", sagt der Verteidigungsminister. Afghanistan sei ein schwieriger und umstrittener Einsatz. "Wir stellen und auch in einem historischen Museum der Debatte, und das ist richtig so."
Im neuen Anbau indessen, der das alte Gebäude wie ein riesiger Keil durchschneidet, beschäftigen sich elf Themenparcours mit dem Militär und seinen Wechselwirkungen mit Politik, Gesellschaft und Kultur. Dabei zeigt die Ausstellung mit ihren 10.500 Exponaten auch Stücke, die auf den ersten Blick nichts mit dem Militär, mit Hass und Gewalt zu tun haben - einem kleinen Zweig zum Beispiel, den ein Kind von einem Baum abgerissen hat. Der kleine Junge, ohne Spielzeugwaffen erzogen, habe ihn als Spielzeuggewehr genutzt, erklärt Kurator Pieken. "Das lässt uns nachdenken: Woher kommt Gewalt? Ist sie Teil von uns wie das Essen und das Trinken?"
Andere Exponate, die man auch in klassischen Armeeschauen finden könnte, werden aus mehreren Blickwinkeln beleuchtet - so die V2-Rakete, mit der die Deutschen im Zweiten Weltkrieg Städte der Alliierten beschoss. Die Biografie des Entwicklers Wernher von Braun steht daneben, aber auch die eines KZ-Häftlings, der zum Raketenbau gezwungen wurde. Zugleich, sagt Pieken, habe die Rakete auch einen Bezug zum Standort des Museums: "Sie verschärfte den Luftkampf und hatte so direkte Auswirkungen auf Dresden."
Den Bezug zu Dresden griff auch der Architekt Libeskind auf. Der keilförmige Neubau aus Stahl, Glas und Beton solle nicht nur ein Gegenstück zu dem historischen Bau sein, erklärt der Star-Architekt während der Feierstunde. Erinnert werden solle mit dem Keil auch an den schlimmsten Tag der Stadt Dresden. "Vom Museum aus kann man heute sehen, wie Dresden aus der Asche wieder auferstanden ist." Die Spitze des Keils zeigt auf die bei den Luftangriffen der Alliierten im Februar 1945 weitgehend zerstörte Innenstadt.
Nach Ansicht des Verteidigungsministers, der selbst mit seiner Familie in Dresden lebt, gibt es keinen besseren Ort als Dresden für ein solches Museum. "Dresden ist ein Schauplatz der Geschichte, von Krieg und Zerstörung, von Wiederaufbau und Versöhnung", sagt de Maizière. Derweil sausen hinter ihm weiter unablässig Hunderte von kleinen "loves" und "hates" über die Wand. (© AP)




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