Viele Piratenüberfälle werden gar nicht erst angezeigt
veröffentlicht am 08.07.2009

Die somalischen Piraten im Golf von Aden sorgen regelmäßig für Schlagzeilen. Doch kleinere Überfälle anderswo auf den Weltmeeren werden häufig gar nicht erst angezeigt. Das spart vielleicht im Moment Zeit und Kosten, führt aber auch dazu, dass der Meeresschifffahrt ein wichtiger Warnhinweis vorenthalten bleibt.
Istanbul - Die somalischen Piraten im Golf von Aden sorgen regelmäßig für Schlagzeilen. Doch kleinere Überfälle anderswo auf den Weltmeeren werden häufig gar nicht erst angezeigt. Das spart vielleicht im Moment Zeit und Kosten, führt aber auch dazu, dass der Meeresschifffahrt ein wichtiger Warnhinweis vorenthalten bleibt.
Manche Eigner und Reeder melden nach Angaben von Branchenexperten geringfügige Verluste oder auch Enterversuche lieber nicht. Sie befürchten kostspielige Verzögerungen, wenn sie den nächsten Hafen anlaufen, für Ermittlungen, die vielleicht gar nichts bringen. Sie befürchten, dass Kunden nervös werden und ihre Fracht das nächste Mal jemand anderem anvertrauen. Sie befürchten ferner, höhere Versicherungsprämien zahlen zu müssen.
Doch einen kleinen oder auch einen gescheiterten Angriff auf See nicht zu melden, mache es nur schwieriger, auf das Problem der Seeräuberei aufmerksam zu machen und die Länder zu energischen Gegenmaßnahmen zu drängen, mahnt das International Maritime Bureau (IMB). «Man muss die verbrecherische Absicht sehen. Die sind mindestens mit einem Messer oder einer Pistole bewaffnet», warnt Noel Choong, der die zentrale Piraterie-Meldestelle des IMB in Kuala Lumpur leitet. «Die stehlen vielleicht nichts Wertvolles, aber es kann sein, dass Menschen für nichts getötet werden.»
Choong schätzt, dass über 50 Prozent aller Piratenangriffe nicht gemeldet werden. Andere Experten halten das für noch zu niedrig gegriffen. Bis zum 1. Juli dieses Jahres registrierte das IMB 239 Überfälle, mehr als die Hälfte davon wurde von somalischen Piraten verübt. Voriges Jahr zur gleichen Zeit waren es erst 116.
Besonders unregelmäßig ist die Meldepraxis in Nigeria, wo Bewaffnete in Schnellbooten ihre Überfälle mit dem Kampf gegen die Ausbeutung der heimischen Ölvorkommen durch multinationale Konzerne begründen. Bei manchen Gruppen gilt das jedoch als bloßer Vorwand für Raub und Erpressung. «Viele der angegriffenen Schiffe laufen regelmäßig nigerianische Häfen an oder operieren ausschließlich in nigerianischen Gewässern für die örtliche Ölindustrie», heißt es in einem IMB-Bericht. «Die Eigner halten es möglicherweise für das Beste, auf ortsübliche Weise damit umzugehen, weil sie Racheakte fürchten, wenn sie Meldung machen.»
Der Piraterie-Experte John Burnett gibt zu bedenken, dass ein Frachter Betriebskosten von täglich 20.000 bis 80.000 Dollar hat und es teuer werden kann, einen Überfall zu melden und einen Hafen anzulaufen. «Sie müssen das Schiff stoppen und Tage für Ermittlungen drangeben, die wahrscheinlich zu nichts führen», erklärt er. «Der Kapitän wird häufig gedrängt, keine große Sache draus zu machen.»
Yusuf Capoglu von der Istanbuler Firma Lori Denizcilik weiß von drei oder vier türkischen Schiffen, die somalische Piraten mit Wasserkanonen abwehrten. «Eines der Schiffe war sogar von uns. Es entstand kein Schaden, also wurde es nicht gemeldet», räumt er ein. «So etwas passiert uns allen, jeder weiß das. Aber die Versicherungsgesellschaften wollen mit uns nicht mehr arbeiten, wenn einem unserer Schiffe so etwas passiert.»
Zudem behielten Unternehmen oder Kapitäne kleinere Überfälle gern für sich - teils weil sie meinten, ohnehin nichts dagegen tun zu können, teils weil sie die Sicherheit ihres Schiffs nicht in ein schlechtes Licht rücken wollten, erklärt Nick Davis von einer britischen Sicherheitsfirma. «Man will sich ja nicht zu weit aus dem Fenster lehnen», meint er. «So lange der Crew nichts passiert, lässt man es eben auf sich beruhen.» (© AP)




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