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Deutsche Parteien verlagern Wahlkampf immer stärker ins Internet

veröffentlicht am 26.06.2009


Guido Westerwelle hat 30 Sekunden. In dieser Zeit will der FDP-Chef junge Wähler für die Politik der Liberalen einnehmen - ganz modern, per Videobotschaft übers Internet. Dazu hat er sich seriös mit Anzug und rosaroter Krawatte gekleidet im Regierungsviertel postiert, im Hintergrund zeichnen sich die Hochhäuser des Potsdamer Platzes ab.

 

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Berlin - Guido Westerwelle hat 30 Sekunden. In dieser Zeit will der FDP-Chef junge Wähler für die Politik der Liberalen einnehmen - ganz modern, per Videobotschaft übers Internet. Dazu hat er sich seriös mit Anzug und rosaroter Krawatte gekleidet im Regierungsviertel postiert, im Hintergrund zeichnen sich die Hochhäuser des Potsdamer Platzes ab. Dann erklärt er, warum es so wichtig sei, wählen zu gehen. Zum Schluss lächelt Westerwelle und erklärt: «Ich freue mich auch auf euer Gruscheln.»


Diese Botschaft findet man in Deutschlands größtem sozialen Netzwerk, dem StudiVZ - auf Westerwelles eigener Profilseite. Neben seinen Hobbys, Lieblingsfilmen und einer Fotostrecke namens «Ein Tag mit Guido» können die StudiVZ-Nutzer Nachrichten an den FDP-Politiker schicken, Pinnwandeinträge hinterlassen, ihn «gruscheln» (steht für eine Mischung aus grüßen und kuscheln) und vor allem eines: Guido Westerwelle «gut finden» - was man anklicken kann. Dies erscheint dann auch auf der Profilseite der Fans.


Doch Westerwelle ist nicht der einzige, der sich seit Mitte April so persönlich im Netz präsentiert. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier (SPD), die Grünen-Politiker Jürgen Trittin und Renate Künast sowie Gregor Gysi und Oskar Lafontaine von den Linken haben neuerdings offizielle «Edelprofile» im StudiVZ.


Deutschlands große Parteien haben sich auf die moderne Form der Kommunikation, das Web 2.0 eingelassen, um junge Leute an die Wahlurnen zu bringen. Ob im StudiVZ, auf YouTube, Twitter oder der eigenen Parteihomepage - sie setzen bei ihrem Wahlkampf zur Bundestagswahl im September zu einem großen Teil auf das World Wide Web. «Wir haben uns überlegt, wie wir der Politik-Ermüdung der Jugendlichen entgegensteuern können», sagte Markus Berger-de-Léon von StudiVZ. Ziel sei es, den Dialog zwischen Politikern und Nutzern zu steigern und Wähler zu mobilisieren.


Dafür hat das StudiVZ eigens eine «Wahlzentrale» eingerichtet: Nutzer finden dort diverse multimediale Inhalte, Umfragen, Themen zur Wahl, werden zu politischer Diskussion ermutigt und finden die aktuellen «Politiker-Charts». Angela Merkel führt die Liste derzeit mit über 47.000 Anhängern an, gefolgt von Westerwelle mit mehr als 15.600 Anhängern und Steinmeier mit fast 14.000 Anhängern.


Die Hoffnung der Parteien, die Jugendlichen über das Internet über ihre Politik informieren und besser erreichen zu können, ist begründet. Laut einer aktuellen Studie von Google Deutschland informieren sich die Unter-30-Jährigen größtenteils im Internet, vor allem gern auf Videoplattformen, über Politik. Mehr als 60 Prozent von ihnen nutzt das Internet häufig bis sehr häufig als politische Informationsquelle. Unter den rund 14,3 Millionen Nutzern der VZ-Gruppe sind mehr als 9,1 Millionen wahlberechtigt, darunter sind 70 Prozent von ihnen Erst- und Jungwähler.


«Wir hoffen, dass wir durch die Präsenz auf StudiVZ neue Unterstützer für die FDP finden, die sich sowohl on- als auch offline für die FDP engagieren», sagt Thomas Scheffler, Verantwortlicher für den Online-Wahlkampf der FDP. Betreut werde das Profil von einem eigens aufgestellten «Team Westerwelle», die alle Inhalte und die Beantwortung von Nachrichten mit dem Parteichef absprechen. Ähnlich funktioniert es auch bei den übrigen Parteien.


Die Wahlkampfleiterin der Grünen, Steffi Lemke, erklärt: «Es geht uns darum, den direkten Kontakt und Dialog mit den Studenten zu suchen, anstatt darauf zu warten, dass diese von sich aus unsere Parteiwebsite besuchen.» Man erreiche junge Leute immer weniger über die klassischen Medien, sondern immer mehr über das Internet.


Ähnlichen Erfolg bei der Wählermobilisierung verspricht auch die Videoplattform YouTube. «Viele Menschen gucken sich lieber ein Thema on-demand als Video an, anstatt sich einen langen, komplizierten Text durchzulesen», erklärt Patrick Warnking von Google. Es gebe hier schon 1.000 Videos der Parteien und Fraktionen. Insgesamt seien 13,3 Millionen YouTube-Nutzer wahlberechtigt, unter ihnen seien rund 2,8 Millionen Jung- und Erstwähler.


Immer mehr Parteien und Fraktionen haben auch eigene Kanäle, die abboniert werden können, beispielsweise das «TVliberal» der FDP mit über 1.300 Abonnenten oder das «CDU TV», das 1.083 Nutzer schon regelmäßig verfolgen.


An Zuspruch gewinnt auch das vor allem durch den Wahlkampf von US-Präsident Barack Obama berühmt gewordene «Twitter»: SPD, Grüne, FDP und CDU/CSU veröffentlichen aktiv kurze Nachrichten, sogenannte «Tweets» in dem Online Netzwerk.


Ob per StudiVZ, Videobotschaft oder Kurznachricht - festzuhalten bleibt, dass sich der Wahlkampf seit der letzten Bundestagswahl zunehmend in die virtuelle Welt verlagert hat. Übrigens: Die Politiker «gruscheln» auch zurück.  (© AP)



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