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Demokratie auf Chinesisch

veröffentlicht am 18.01.2011


Taiwans größte Touristenattraktion sorgt dieses Jahr für Verwirrung. Seit dem spektakulären Silvesterfeuerwerk prangt in 20 Meter hohen Leuchtbuchstaben "100 ROC" an der Fassade des bambusförmigen Taipei 101, bis vor kurzem der höchste Wolkenkratzer der Welt. "100 Jahre Republic of China" - welche Bedeutung dieses Jubiläum hat, ist den meisten Besuchern nicht bekannt.

 

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Taipeh - Taiwans größte Touristenattraktion sorgt dieses Jahr für Verwirrung. Seit dem spektakulären Silvesterfeuerwerk prangt in 20 Meter hohen Leuchtbuchstaben "100 ROC" an der Fassade des bambusförmigen Taipei 101, bis vor kurzem der höchste Wolkenkratzer der Welt. "100 Jahre Republic of China" - welche Bedeutung dieses Jubiläum hat, ist den meisten Besuchern nicht bekannt.


Gerade mal so groß wie Baden-Württemberg, ist Taiwan seit über 60 Jahren potenzieller Krisenherd und Mittelpunkt eines vertrackten Beziehungsdreiecks. Beteiligt ist neben der Volksrepublik China und den USA die Republik China - ein Staat, der für die internationale Diplomatie eigentlich gar nicht mehr existiert, der auf Taiwan aber fortbesteht und sich in den vergangenen 20 Jahren von einer Einparteien-Diktatur zur Vorzeige-Demokratie gewandelt hat.


Die Republik China habe "den Mythos widerlegt, dass Demokratie und eine chinesisch geprägte Gesellschaft nicht zusammenpassen", sagte der taiwanische Präsident Ma Ying-jeou in seiner Neujahrsansprache. Sie genieße zudem "den Respekt der internationalen Gemeinschaft" - eine gewagte Aussage, denn nur 23 Länder haben diplomatische Beziehungen zur Regierung in Taipeh. Pekings wachsender Einfluss hat dafür gesorgt, dass Taiwan zum Waisenkind der internationalen Politik geworden ist.


Dabei hat die Republik China nicht nur vor 100 Jahren das Kaiserreich gestürzt und ganz China beherrscht, sie hatte sogar bis 1971 einen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat. Seit 1949 ist ihr Machtbereich auf Taiwan und einige Inselgruppen geschrumpft. Damals blieb den Nationalchinesen unter Chiang Kai-shek nach der Niederlage im Bürgerkrieg nur noch die Flucht nach Taiwan. Die Insel war ihnen erst kurz zuvor in den Schoß gefallen und hatte 50 Jahre lang zu Japan gehört. An der Gründung der Republik China war Taiwan also gar nicht beteiligt. Seit der Demokratisierung der neunziger Jahre sehen die 23 Millionen Einwohner sich selbst laut Umfragen zunehmend als Taiwaner statt als Chinesen.


Diese eigenständige Identität unterhöhlt den Machtanspruch Pekings, das Taiwan als Teil Chinas ansieht und einen Anschluss nach dem Vorbild von Hongkong anstrebt. Obwohl die Beziehungen sich in den vergangenen Jahren vordergründig entspannt haben, hält die Volksrepublik ständig mehr als 1.500 Raketen auf die Insel gerichtet und droht mit Krieg, sollten die Taiwaner sich etwa eine neue Verfassung als Republik Taiwan geben. Denn formell sieht sich auch die Republik China noch immer als rechtmäßige Vertreterin ganz Chinas - ein historischer Anachronismus, aber die Grundlage für den fragilen Status quo, mit dem alle Seiten vorläufig leben können.


Vor allem die Unterstützung der USA hat bislang verhindert, dass die Volksrepublik sich die strategisch wichtige Insel einverleibt. Auch ohne diplomatische Beziehungen ist die US-Regierung durch ein Gesetz aus dem Jahr 1979 verpflichtet, Taiwan mit Verteidigungswaffen zu versorgen. Vor einem Jahr hatte Washington angekündigt, Luftabwehrraketen, Hubschrauber und Minenräumschiffe an Taiwan zu liefern - für Peking Anlass genug, die militärischen Kontakte zu Washington einzufrieren.


Die Waffenpakete sind mit Sicherheit ein Thema beim Besuch des chinesischen Präsidenten Hu Jintao im Weißen Haus. Pekings wachsendem Einfluss zum Trotz hoffen die Menschen in Taiwan, ihre Geschicke auch in Zukunft selbst bestimmen zu können. Zum 100. Jubiläum der Republik China blicken sie aber in eine ungewisse Zukunft.  (© AP)



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