"Ungerecht": Ex-Minister Jung spricht über seinen Rücktritt
veröffentlicht am 22.11.2010

Franz Josef Jung sitzt zufrieden in seiner Anwaltskanzlei mit Blick auf den Rhein im hessischen Eltville. Ein Jahr nach seinem Rücktritt als Bundesminister ist bei dem CDU-Politiker von Verbitterung wenig zu spüren. "Natürlich habe ich es immer als ungerecht empfunden", sagt er zwar zu seinem zweifachen Amtsverzicht erst im Jahr 2000 als hessischer Landesminister und dann am 27.
Eltville - Franz Josef Jung sitzt zufrieden in seiner Anwaltskanzlei mit Blick auf den Rhein im hessischen Eltville. Ein Jahr nach seinem Rücktritt als Bundesminister ist bei dem CDU-Politiker von Verbitterung wenig zu spüren. "Natürlich habe ich es immer als ungerecht empfunden", sagt er zwar zu seinem zweifachen Amtsverzicht erst im Jahr 2000 als hessischer Landesminister und dann am 27. November 2009 auch als Mitglied der Bundesregierung.
Gleichwohl trauert der 61-Jährige seinem jeweils mehr oder weniger freiwillig aufgegebenen Amt nicht mehr nach und freut sich über in letzter Zeit wieder deutlicher spürbare Anerkennung. Auf dem CDU-Bundesparteitag in Karlsruhe ist Jung gerade mit dem drittbesten Ergebnis von 83,8 Prozent wieder zum Beisitzer im Bundesvorstand der Partei gewählt worden. "Ohne ein herausragendes politisches Amt so ein Ergebnis zu erzielen, ist ja keine Selbstverständlichkeit", freut er sich. Und auf dem hessischen Landesparteitag im Sommer war Jung sogar mit dem besten Resultat aller Kandidaten als stellvertretender CDU-Landesvorsitzender im Amt bestätigt worden.
Jung war im Herbst 2009 wegen des Informationswirrwarrs um den vom deutschen Oberst Georg Klein angeordneten NATO-Luftangriff auf einen Tanklaster in Afghanistan unter Druck geraten. Mit Bildung der schwarz-gelben Bundesregierung schied er als Verteidigungsminister aus und übernahm das Amt des Bundesarbeitsministers, von dem er dann aber nach immer neuen Vorwürfen zu dem Zwischenfall bei Kundus nach nur knapp einem Monat ebenfalls zurücktrat.
Bei dem Luftangriff starben auch viele Zivilisten. Jung findet es dennoch nach wie vor richtig, dass er sich damals vor Oberst Klein gestellt hat, der den Befehl dazu gab. "Wenn man als politisch verantwortlicher Minister Soldaten in so einen Einsatz schickt, darf man sich nicht wegducken, wenn es einmal kritisch wird", betont der CDU-Politiker.
Erst recht bestätigt fühlt sich Jung dadurch, dass Oberst Klein inzwischen voll rehabilitiert sei. "Es hat sich ja herausgestellt, dass weder straf- noch disziplinarrechtlich etwas gegen ihn vorliegt. Er ist sogar noch befördert worden", hebt er hervor. Aus der Verteidigungspolitik hält sich Jung seit seinem Rücktritt öffentlich eher heraus, wie das für einen Ex-Minister üblich ist. Das heißt natürlich nicht, dass Jung keine Meinung dazu hat.
Als Hauptproblem nennt er, dass die afghanische Armee und Polizei noch nicht in der Lage seien, allein für die Sicherheit des Landes zu sorgen. Deshalb sei es richtig, jetzt alle Kraft darauf zu verwenden, dies zu ändern. Auch den Abzug der Tornado-Flugzeuge aus Afghanistan findet Jung richtig, "denn die Luftaufklärung ist ja geleistet". Etwas kritischer sieht er da schon das unter Nachfolger Karl-Theodor zu Guttenberg eingeleitete Abrücken von der Wehrpflicht. Gut sei, dass die Wehrerfassung und die Verankerung der Wehrpflicht im Grundgesetz trotz der geplanten Aussetzung blieben, sagt er dazu nur. Dann könne sie bei Bedarf auch wieder eingeführt werden. "Denn ich bin schon ein Anhänger der Wehrpflicht", fügt Jung hinzu.
Sein Verhältnis zu Nachfolger Guttenberg schildert er gleichwohl als gut. Auf dem Karlsruher Parteitag lobte der CSU-Politiker seinen Vorgänger auch ausdrücklich, etwa für seinen Einsatz zugunsten eines Denkmals für gefallene Soldaten.
Im Bundestag aber ist Jung jetzt für ganz andere Themen zuständig. Dort vertritt er die Unions-Fraktion im Innenausschuss als Sprecher für das diffizile Feld des Terrorismus sowie auch im Richterwahlausschuss. Zudem hat Jung nach eigenem Bekunden immer darauf geachtet, nicht ausschließlich auf die Politik angewiesen zu sein. Das Anwaltsbüro in Eltville hat er schon 1976 zusammen mit anderen Juristen gegründet. Heute ist er neben seinem politischen Engagement überwiegend als Notar tätig, sagt r mit den Sitzungswochen des Bundestags vereinbaren", sagt Jung, der das elterliche Weingut im Rheingau schon vor Jahren seinem Bruder überlassen hat.
Dass ihm die beiden Rücktritte nicht leichtgefallen sind, daraus macht der Politiker keinen Hehl. "Aber es war richtig", räumt er gleichwohl ein. Nach seiner Demission als Landesminister und Chef der Staatskanzlei in Wiesbaden wegen der CDU-Parteispendenaffäre sprachen viele von einem "Bauernopfer", mit dem Jung seinem Mentor Roland Koch den Rücken freigehalten habe. Immerhin habe die CDU bei der nächsten Landtagswahl sogar die absolute Mehrheit geholt, erinnert sich Jung. Und auch der Abtritt als Bundesminister sei im Interesse der Bundeswehr und der Regierung Angela Merkel unvermeidlich gewesen.
Immerhin "ist meine Lebensqualität heute höher", tröstet sich der CDU-Politiker. Seine Terminplanung ist nicht mehr fremdbestimmt, und er hat endlich wieder Zeit für die Familie, an der ihm so viel liegt - einschließlich der beiden Enkelkinder. Außerdem hat Jung gerade ein Buch über seine Erfahrungen bei der Schaffung der deutschen Einheit veröffentlicht, das kein Geringerer als Altbundeskanzler Helmut Kohl öffentlich präsentiert hat.
Zudem spielt Sportfan Jung sowohl in der Fußballmannschaft des Deutschen Bundestags als auch in der von ihm selbst ins Leben gerufenen "Deutschen Weinelf" mit. Und sonst? "Mal schauen, manchmal kommen die Dinge ja überraschend", zeigt sich der Ex-Minister unverdrossen zuversichtlich. (© AP)




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