Irakischer Heiratsmarkt stellt Frauen vor große Probleme
veröffentlicht am 08.09.2010

Nach sieben Jahren Krieg hat Nidal Haidar den Traum von der Ehe endgültig aufgegeben. "Ich denke nicht länger an eine Hochzeit", sagt die 38-Jährige aus Bagdad. Aufgrund ihres Alters bekäme sie allenfalls noch von Witwern oder sehr alten Männern Anträge.
Bagdad - Nach sieben Jahren Krieg hat Nidal Haidar den Traum von der Ehe endgültig aufgegeben. "Ich denke nicht länger an eine Hochzeit", sagt die 38-Jährige aus Bagdad. Aufgrund ihres Alters bekäme sie allenfalls noch von Witwern oder sehr alten Männern Anträge. Gefragter auf dem Heiratsmarkt seien vor allem reiche oder junge Frauen. "Unsere Chancen, einen Mann zu finden, verringern sich, je älter wir werden", sagt die Schneiderin Haidar. Nur eine einzige ihrer sechs Schwestern ist verheiratet.
Es ist eine der vielen versteckten Kosten, die Irak für sieben Jahre Krieg zu zahlen hat. Mehr und mehr Frauen über 30 sind unfreiwillig solo, weil die Kämpfe und Anschläge vielen jungen Männern das Leben gekostet und soziale Netze zerstört haben. In der konservativen irakischen Gesellschaft wird erwartet, dass Frauen als Teenager oder mit Anfang 20 den Bund der Ehe schließen. Jenen, die die Schwelle zum 30. Lebensjahr unverheiratet überschreiten, drohen mächtige soziale Stigmata. Ihr Leben ist von erheblichen Beschränkungen geprägt. Die meisten leben weiterhin mit ihren Eltern oder anderen Familienmitgliedern. Wer nicht wohlhabend oder gebildet ist, oder über einen Arbeitsplatz verfügt, wird von seinen Angehörigen meist zum Bediensteten degradiert und muss sauber machen, waschen, kochen und Kleinkinder hüten.
Die Möglichkeiten, einen Arbeitsplatz zu finden, sind begrenzt. Wer dennoch einen findet, wird als unverheiratete Frau als wehrlos angesehen, ohne den Schutz ihres Ehemanns. Einige verlassen fast nie ihr Haus. "Ich bin den ganzen Tag zu Hause. Ich gehe nur selten raus", sagt Haidar. Die 38-Jährige hat die Schule abgeschlossen und kann mit ihrer Schneiderei ihren Lebensunterhalt verdienen. Sie und ihre unverheirateten Schwestern - alle zwischen 23 und 40 Jahren -leben mit den Eltern in Sadr City, einem schiitischen Viertel im Osten Bagdads, das während des Krieges einige der schwersten Straßenkämpfe erlebt hat.
Zahlen darüber, wie hoch der Anteil von unverheirateten irakischen Frauen über 30 ist, existieren nicht. Frauenrechtsorganisationen sind aber der Ansicht, dass ihre Zahl unverhältnismäßig hoch ist. Weibliche Singles, älter als 30 Jahre, gab es aufgrund der konfliktreichen irakischen Geschichte auch schon früher. Beispielsweise in den 80er Jahren, als das Land viele Jahre Krieg mit Iran führte. Allerdings wird angenommen, dass ihre Zahl seit 2003 signifikant gestiegen ist. Neben den getöteten jungen Männern flohen Hunderttausende im wehrfähigen Alter aus dem Land. Soziale Netze, eine Grundlage für Heiraten, wurden durch Selbstmordattentate, konfessionelle Morde, Todesschwadrone und Schießereien zerstört. Die Menschen hatten Angst, ihre Häuser zu verlassen. Die Gelegenheiten verringerten sich, mögliche Ehepartner zu treffen. Selbst die traditionellen Formen des Kennenlernens, wie Familienbesuche, nahmen auf dem Höhepunkt der Gewalt merklich ab. Wirtschaftliche Nöte haben dazu geführt, dass junge Männer die erheblichen Aufwendungen für eine Hochzeit nicht mehr bewältigen können.
Die 39-jährige Fayhaa Jalil hat ihren Traum von der eigenen Familie noch nicht aufgegeben. Unverheiratet und arbeitslos lebt sie mit ihrem Bruder und dessen Familie im Westen Bagdads. "Meine Schwägerin verfolgt und behandelt mich wie ein Dienstmädchen", sagt Jalil. Gleichwohl sieht sie die Chancen auf Verwirklichung ihre Traums realistisch. Nur wenige der Häuser in der Nachbarschaft sind überhaupt bewohnt. Die Menschen sind vor der Gewalt zwischen Schiiten und Sunniten geflohen. "Wer soll mich sehen, wenn ich keine Nachbarn habe?", fragt sie. An angemessenen, öffentlichen Plätzen, wo sie heiratswillige Männer kennenlernen könnte, mangele es, sagt Jalil. In der Tat zolle die Regierung diesen Frauen nur wenig Aufmerksamkeit, im Vergleich zu Hunderttausenden, die durch die Kriege zu Witwen wurden, sagt Jinan Mubarak, Leiterin der führenden unabhängigen Frauenorganisation in Bagdad.
Vorschläge, wonach die Regierung jenen Männern Prämien anbieten soll, wenn sie eine ältere Frau oder eine zweite Gattin heiraten, lehnt Mubarak nicht kategorisch ab. Gleichwohl warnt sie: "Frauen sind keine Ware für den Verkauf. Es muss Garantien über die guten Absichten der Männer geben, wenn wir dem zustimmen sollen."
Für die Aktivistin Hanaa Adwar ist das nicht wirklich eine Alternative. "Eine echte Lösung besteht in Sicherheit, dem Wiederbeleben der Wirtschaft und dem Kampf gegen die Arbeitslosigkeit." Um besser integriert zu werden, benötigten unverheiratete Frauen eine Berufsausbildung, um so den eigenen Lebensunterhalt zu verdienen", sagt Adwar.
Die 32-jährige Englischlehrerin Lina Hameed Ali hat beschlossen, sich nicht länger von sozialen Stigmata behindern zu lassen. "Ich ziehe eine erfolgreiche Karriere einer Ehe vor, die nicht funktioniert. Bei der Arbeit bekomme ich für meine Anstrengungen Anerkennung." In einer Ehe hingegen, sei das nicht selbstverständlich, sagt die Schiitin Ali. Drei Heiratsanträge hat sie bereits abgelehnt, weil die Männer einer anderen Konfession angehörten. Dass Angehörige sie deswegen tadelten, macht sie traurig. "Es ist die kleinkarierte Mentalität unserer östlichen Gesellschaften." (© AP)




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