Die Asche seiner Eltern
veröffentlicht am 02.09.2010

Am Ende fährt Jack Griffin mit zwei Urnen im Kofferraum nach Cape Cod und führt Gespräche mit seiner toten Mutter. Die Reise an den idyllischen Zipfel im amerikanischen Nordosten ist der absurde Höhepunkt eines Ablösungsprozesses, den Griffin nie durchlebte, weil er glaubte, ihn nicht nötig zu haben. Denn er war stets der festen Überzeugung, seine Eltern spielten nur eine untergeordnete Rolle in seinem Leben.
Frankfurt/Main - Am Ende fährt Jack Griffin mit zwei Urnen im Kofferraum nach Cape Cod und führt Gespräche mit seiner toten Mutter. Die Reise an den idyllischen Zipfel im amerikanischen Nordosten ist der absurde Höhepunkt eines Ablösungsprozesses, den Griffin nie durchlebte, weil er glaubte, ihn nicht nötig zu haben. Denn er war stets der festen Überzeugung, seine Eltern spielten nur eine untergeordnete Rolle in seinem Leben. Vielmehr dienten sie als schlechtes Vorbild, denn Griffin wollte alles werden nur niemals so wie seine Eltern.
Richard Russos Buch ist ein wohltuend leichter Roman darüber, wie sehr uns Eltern prägen und wie schwer es ist, der eigenen Familie zu entfliehen. Ein Eheroman ist das zudem und beinah eine wehmütige coming-of-age-Geschichte - allerdings mit einer Hauptfigur, die altersmäßig längst jenseits der 50 angekommen ist.
Die Asche seiner Eltern will Griffin dort verstreuen, wo er mit ihnen seltene Glücksmomente erlebte. Für das Professorenehepaar beide arbeiteten als Literaturwissenschaftler an einem unbedeutenden College war Cape Cod stets Fluchtpunkt und Sehnsuchtsort, an den sie jedes Jahr im Sommer vor Ehedesaster und Arbeitsfrust flüchteten. Den Rest des Jahres verbrachten sie in verhärmter Akademikerstarre, familiärer Harmonie begegneten sie konsequent mit bösartiger Geringschätzung und betrachteten Glücklichsein insgeheim als Schwäche der Ungebildeten.
Jetzt ist Griffin selbst Collegeprofessor, seit 30 Jahren mit Joy verheiratet und Vater einer erwachsenen Tochter. Zu seinen Eltern hält er emotional und räumlich eine gepflegte Distanz - bis beide sterben. Plötzlich begreift Griffin, wie sehr er seinen Eltern in Denken und Fühlen ähnelt, und dass er ihre kuriosen Lebensmuster lange schon imitiert.
Pulitzer-Preisträger Russo, Autor der mit Paul Newman in der Hauptrolle verfilmten Komödie «Nobody's Fool« (1993), schreibt ohne Weichzeichner, aber mit sentimentalem Blick und einem weisen Hauch von Komik. Sein Roman lebt von der Atmosphäre, von den leichten Dialogen und der zarten Melancholie, die Griffins wechselvollen Weg in ein mögliches Happy End so berührend wie komisch begleitet und als Stimmung noch lange nachhallt. (Anke Breitmaier) (Dumont Verlag, August 2010, ISBN 978-3-8321-9539-7, 351 Seiten, 19,80 Euro) (© AP)




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