Pflege-TÜV: "Schwachstellen im System"
veröffentlicht am 02.09.2010

Wer ein Pflegeheim oder häusliche Helfer für Angehörige sucht, sollte sich aus Sicht von Experten nicht nur auf Vergleiche im Internet verlassen. Denn die vor einem Jahr eingeführten Pflegenoten fallen bisweilen zu gut aus und überdecken Mängel. Der «Pflege-TÜV« soll deshalb bis zum Jahresende nachgebessert werden, erklärte der Ersatzkassenverband vdek am Donnerstag in Berlin.
Berlin - Wer ein Pflegeheim oder häusliche Helfer für Angehörige sucht, sollte sich aus Sicht von Experten nicht nur auf Vergleiche im Internet verlassen. Denn die vor einem Jahr eingeführten Pflegenoten fallen bisweilen zu gut aus und überdecken Mängel. Der «Pflege-TÜV« soll deshalb bis zum Jahresende nachgebessert werden, erklärte der Ersatzkassenverband vdek am Donnerstag in Berlin.
Der bundesweite Notendurchschnitt auf einer Skala von 1 bis 5 liegt für Heime bei 1,9 und für ambulante Dienste, die Helfer ins Haus schicken, bei 2,1. Trotzdem bestehe «kein Anlass, das Ergebnis euphorisch zu werten«, sagte vdek-Chef Thomas Ballast. Denn es gebe «Schwachstellen im System«.
So könnten derzeit Mängel bei zentralen Punkten der Pflege wie der Wundversorgung oder der Versorgung mit Essen und Trinken in der Gesamtnote zum Teil ausgeglichen werden, wenn ein Haus bei der Organisation oder der Alltags-Gestaltung Punkte mache. Ein Heim oder Dienst könne deshalb noch gut abschneiden, obwohl Betreute unterernährt oder wundgelegen seien.
Die Deutsche Hospiz Stiftung meinte gar, die «Traumnoten, die das Prüfsystem wie am Fließband produziert, haben mit der Realität nichts zu tun« und es müsse «Schluss sein mit den Kuschelkriterien«. Auch der Münchner Pflegeexperte Claus Fussek sagte, die Noten hätten mit der Wirklichkeit wenig zu tun. Angehörige sollten ein Heim für Mutter oder Vater lieber persönlich anschauen, statt nur im Internet zu suchen, sagte er im MDR.
Ballast sagte, im Prinzip sei das Bewertungssystem ein Fortschritt. Doch müssten offensichtliche Mängel abgestellt werden. Unter anderem fordern die Ersatzkassen eine Gewichtung: Die zentralen Pflege-Punkte sollten in der Gesamtnote eine größere Rolle spielen. Folge wären nach Erwartung der Kassen insgesamt etwas schlechtere Noten. Ballast sagte, darüber werde bereits verhandelt, aber die Gespräche seien langwierig. Er hoffe auf ein Ergebnis bis Ende dieses Jahres.
Der sogenannte Pflege-TÜV war 2008 beschlossen worden, im vergangenen Jahr ging er an den Start. Prüfer der medizinischen Dienste der Krankenkassen haben seitdem nach einem langen Kriterienkatalog 4.810 ambulante Pflegedienste und 6.022 Heime bewertet. Ziel war es, Mängel öffentlich und die Einrichtungen vergleichbar zu machen, nachdem immer wieder gravierende Mängel in Pflegeheimen Schlagzeilen gemacht hatten.
Inzwischen haben auch Gerichte Zweifel geäußert, ob die angewendeten Maßstäbe aussagekräftig sind. Das Sozialgericht Münster hatte erst Anfang der Woche entschieden, dass die Testkriterien nicht geeignet seien, die Leistungen der Heime wirklich zu beurteilen. Ballast meinte jedoch, er erwarte, dass eine höhere Instanz das Urteil kassiere. Nach seinen Worten sind mehr als 200 Einrichtungen vor den Kadi gezogen, um sich gegen ihre öffentliche Bewertung zu wehren.
Insgesamt gibt es rund 21.000 Einrichtungen, die sich der Benotung stellen müssen. Sie sollen alle bis Ende dieses Jahres einmal bewertet werden und danach jedes Jahr wieder. (© AP)




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