Heimatgefühle: Verena Schmitt-Roschmann spürt einem "verpönten Gefühl" nach
veröffentlicht am 16.07.2010

Was bedeutet Heimat heutzutage? Ist dieser Begriff nicht gänzlich überholt in Zeiten, in denen viele Menschen durch zigfache Umzüge ihre Wurzeln längst verloren zu haben scheinen? In denen jeder Fünfte in Deutschland einen Migrationshintergrund hat?
Berlin - Was bedeutet Heimat heutzutage? Ist dieser Begriff nicht gänzlich überholt in Zeiten, in denen viele Menschen durch zigfache Umzüge ihre Wurzeln längst verloren zu haben scheinen? In denen jeder Fünfte in Deutschland einen Migrationshintergrund hat? Oder gewinnt er ganz im Gegenteil gerade dadurch an Aktualität? Die Autorin und Journalistin Verena Schmitt-Roschmann spürt diesem Phänomen facettenreich und unterhaltsam in ihrem Buch «Heimat - Neuentdeckung eines verpönten Gefühls» nach.
In fünf Kapiteln beschreibt die 44-Jährige, warum Heimat auch im 21. Jahrhundert wichtig ist. Menschen erzählten ihr, warum es sich denn nun gerade lohnt, um ein kleines, von steter Abwanderung betroffenes Dorf in der Nähe Bremens zu kämpfen. Oder warum sie trotz toller Kindheit den steten Drang weit weg haben. So wird der Begriff Heimat lebendig - an spannend erzählten Einzelschicksalen.
Schmitt-Roschmann lässt aber auch Sozialwissenschaftler, Historiker und Psychologen zu Wort kommen. Heimat, so kristallisiert sich heraus, ist etwas sehr Individuelles, Subjektives und Vielschichtiges, schillernd und kaum eingrenzbar. Für viele hat der Begriff mit dem Ort zu tun, an dem sie leben oder aufgewachsen sind. Für manche aber auch mit der Nation oder dem Land, in dem sie leben.
Heimat hat aber auch mit Familie, Freunden und Geborgenheit zu tun. Ganz abstrakt kann sie sein, wie Schmitt-Roschmann auch in ihrem Untertitel bemerkt: Einfach ein undefinierbares Gefühl, das positive, manchmal auch negative Assoziationen auslösen kann. Auf jeden Fall ein Wert an sich, der einen ganz neuen Stellenwert erlangt hat. «Das Thema wird uns so bald nicht verlassen. Heimat braucht jeder, damit können wir unseren Frieden machen», lautet denn auch das Resümee.
Schmitt-Roschmann beschreibt, welche Entwicklung der Begriff in 200 Jahren nahm. Angefangen von Romantikern wie Joseph von Eichendorff, Novalis oder Friedrich Hölderlin, die den Begriff schwärmerisch überhöhten. Weitergehend später mit der deutschen Kriegserklärung 1914, die mit der Bedrohung der Heimat von außen begründet wurde. Und seinen negativen Höhepunkt findend bei Adolf Hitlers Blut- und Boden-Ideologie, «gewissermaßen Heimat in extremis», wie die Autorin schreibt.
Schmitt-Roschmann bildet wohl alle denkbaren Aspekte zum Thema Heimat ab. Sie beschreibt detailreich und spannend, wie Deutsche im Exil mit dem Thema Heimat umgingen, wie die Vertriebenen. Sie erzählt von der «lullenden Heimatseligkeit» der 50er und 60er Jahre und davon, wie die Nachkriegsgeneration den Bruch mit der Vergangenheit ihrer Eltern und deren Heimatbegriff suchte.
Vielleicht noch schwerer als die Westdeutschen tun sich die Ostdeutschen mit dem Thema Heimat. Dazu interviewte Schmitt-Roschmann unter anderem Jan-Hendrik Olbertz, in der DDR aufgewachsener Ex-Kultusminister von Sachsen-Anhalt. «Ich glaube nicht, dass das, was Ostdeutsche mit Heimat verknüpfen, mit der DDR zu tun hat», erklärt er. «Meine Heimat ist an der Ostsee in Rostock, und ich denke heute noch an viele Dinge mit Sehnsucht und Wehmut, an Bilder, Geräusche, Gerüche, den Dialekt dort (...).»
Mit der Wende verschwanden jedoch viele äußere Aspekte der Heimat, plötzlich galten neue Regeln, die alten wurden handstreichartig entwertet: Auf dem eigenen Territorium galt die eigene kulturelle Tradition nicht mehr, schreibt Schmitt-Roschmann. So sei für viele eine merkwürdige, nachträgliche Identifikation mit der glücklich überwundenen DDR entstanden.
Nicht weniger kompliziert stellt sich für die rund 15,6 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund ihr Verhältnis zur Heimat dar. Jahrelang in Deutschland lebend, teilweise sogar hier geboren, empfinden sich viele doch nicht richtig dazugehörend. Aber auch ihr Ursprungsland hat sich so verändert, dass sie es nicht als Heimat empfinden. Eine Interviewte sagte: «Eigentlich bin ich heimatlos. Das hier ist nicht meine richtige Heimat, aber die Türkei ist es auch nicht.»
Das 208-seitige Buch erscheint am 26. Juli (Gütersloher Verlagshaus) und kostet 19,95 Euro (ISBN: 978-3-579-06764-3). (© AP)




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