Der tiefe Fall des Jörg Tauss
veröffentlicht am 29.05.2010

© Twitter Inc.
Jörg Tauss hat seine Vorliebe für das Internet trotz allem nicht verloren: Der Bundestagsabgeordnete betreibt ein Blog und lässt über die Kurznachrichtenseite Twitter die Welt unter anderem wissen, dass ihn sein Prozess nervt und dass er im Karlsruher Hauptbahnhof Himbeerkuchen mit Milchkaffee isst. Letztlich war es auch das Surfen im Netz, das dem früheren SPD-Politiker jetzt zum Verhängnis wurde: Das Karlsruher Landgericht verurteilte ihn am Freitag zu 15 Monaten auf Bewährung.
Karlsruhe - Jörg Tauss hat seine Vorliebe für das Internet trotz allem nicht verloren: Der Bundestagsabgeordnete betreibt ein Blog und lässt über die Kurznachrichtenseite Twitter die Welt unter anderem wissen, dass ihn sein Prozess nervt und dass er im Karlsruher Hauptbahnhof Himbeerkuchen mit Milchkaffee isst. Letztlich war es auch das Surfen im Netz, das dem früheren SPD-Politiker jetzt zum Verhängnis wurde: Das Karlsruher Landgericht verurteilte ihn am Freitag zu 15 Monaten auf Bewährung.
Vorangegangen war ein in der Geschichte des Bundesrepublik einmaliger Prozess gegen einen Abgeordneten, der sich bis zuletzt für unschuldig erklärte und sich quasi als Ermittler im Kampf gegen Kinderpornografie gab. «Ich habe mich in den stinkenden Schweinestall begeben, um ihn auszumisten», sagte er im vergangenen Jahr, als die illegalen Bilder bei ihm gefunden wurden.
Doch weder Staatsanwaltschaft noch Gericht glaubten dem 56-Jährigen, der mit seinen Taten seine Karriere als Bundestagsabgeordneter und medienpolitischer Sprecher zerstörte. «Selbst wenn ich am Ende völlig freigesprochen würde, ist meine Karriere als Bundestagsabgeordneter damit am Ende», sagte Tauss schon im vergangenen Jahr. Damit begründete er seinen Verzicht auf eine erneute Kandidatur für die Bundestagswahl im September 2009. Sein Mandat behielt er allerdings noch bis zur Wahl bei - aber nicht mehr als SPD-Abgeordneter, sondern als erster und bisher einziger Bundestagsabgeordneter der Piratenpartei.
Seinen Parteiwechsel begründete Tauss offiziell mit dem im Juni 2009 verabschiedeten Gesetz zur Eindämmung von Kinderpornografie im Internet, das Sperren vorsah. Tauss sah darin eine Verletzung der Bürgerrechte: Das Gesetz werde weniger gegen Kinderpornografie wirken als der Errichtung «technischer Zensurinfrastrukturen» dienen. Damit fand er sich auf einer Linie mit der Piratenpartei, die für die Wahrung der Bürgerrechte im Internet und allgemein kämpft und Tauss daher willkommen hieß. Doch ein Grund für den Parteiwechsel dürfte auch der fehlende Rückhalt und die deutliche Distanzierung in der SPD gewesen sein.
Bei einem Treffen der SPD-Ortsvereinsvorsitzenden in seinem badischen Wahlkreis, auf dem er seinen Verzicht auf die Bundestagskandidatur erklärte, sprach Tauss von einer «sozialen Exekution». Aber schon vor der Affäre hatte Tauss nicht nur Freunde in der SPD. Vor allem in der baden-württembergischen Landtagsfraktion wurde er kritisch gesehen. In Bundestagsdebatten fiel er mit unzähligen Zwischenrufen auf.
Seine Parteikarriere indes war klassisch: 1971 trat er in die SPD ein. Nach seiner Lehre und kurzer Arbeit in seinem Beruf als Versicherungskaufmann sattelte er um und wurde hauptamtlicher Gewerkschaftssekretär. Zwischen 1984 und 1986 gab er ein kurzes freiberufliches Gastspiel. Schließlich wurde er Bevollmächtigter bei der IG Metall in Bruchsal und später Pressesprecher der Gewerkschaft in Baden-Württemberg, bis er 1994 mit 41 Jahren in den Bundestag einzog.
Nicht nur die Karriere Tauss' ist zu Ende, auch finanziell steht der 56-Jährige vor dem Ruin. Im Prozess wurde festgestellt, dass er Schulden in Höhe von 700.000 Euro hat, die angeblich mit dem Bau seines kleinen Einfamilienhauses zusammenhängen. Wenigstens muss er nicht auf die Altersvorsorge aus seiner Abgeordnetentätigkeit verzichten, weil das Gericht seine Taten nicht als Verbrechen einstufte. (© AP)




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