Der Irak-Krieg aus deutscher Sicht
veröffentlicht am 29.03.2010

Es ist ein moralisches und persönliches Dilemma, in dem die Insassen des zerbeulten Kleinbusses stecken. Was wollen zwei Kriegreporter mit ihrer Arbeit erreichen, was ein Arzt im Krisengebiet, was die Mitarbeiterin einer Hilfsorganisation? Diese Schicksalsgemeinschaft hat sich zufällig zusammengefunden mitten im vom Krieg zerrütteten Irak des Jahres 2004.
Hamburg - Es ist ein moralisches und persönliches Dilemma, in dem die Insassen des zerbeulten Kleinbusses stecken. Was wollen zwei Kriegreporter mit ihrer Arbeit erreichen, was ein Arzt im Krisengebiet, was die Mitarbeiterin einer Hilfsorganisation? Diese Schicksalsgemeinschaft hat sich zufällig zusammengefunden mitten im vom Krieg zerrütteten Irak des Jahres 2004. In dem Kinodebüt «Waffenstillstand» des Berliner Jungregisseurs Lancelot von Naso müssen die Zuschauer ab 1. April selbst Antworten auf diese Fragen finden.
Der Fernsehjournalist Oliver denkt nicht lange nach, als er das Angebot bekommt: Er soll einen kleinen Hilfstransport begleiten dürfen von Bagdad in die von US-Truppen hart umkämpfte Stadt Falludscha. Dort herrscht ein Waffenstillstand, jedoch nur für wenige Stunden, in denen Zeit bleibt, Medikamente und andere Hilfsmittel in das örtliche Krankenhaus zu schaffen.
Bekannt vor allem als Leutnant von Trotha aus dem verfilmtem Familienepos «Die Buddenbrooks» verkörpert Schauspieler Max von Pufendorf glaubhaft den jung-naiven Kriegsreporter Oliver, der entflammt von unbedingtem Karrierewillen und Abenteuerlust ein hohes persönliches Risiko einzugehen bereit ist. Er überredet seinen erfahreneren Kollegen und Kameramann Ralf, gespielt von Hannes Jaenicke, das Wagnis einzugehen. Diesem erscheint die Hilfsmission allerdings dennoch viel zu riskant. Das Zeitfenster weniger Stunden, in denen die Gewehre und Kanonen schweigen sollen, ist dem mit allen Wassern gewaschenen Reporter eindeutig zu eng. Auch Jaenicke glänzt in seiner Rolle als ruppig-mürrischer Fernsehmacher, der eben nicht bereit ist, sein Leben für einen 30-Sekunden-Beitrag in den deutschen Nachrichten zu riskieren.
Die beiden anderen Figuren in dem Mix aus Drama, Roadmovie, Politthriller und psychologischem Kammerspiel leben in einem ähnlichen Konflikt wie dem zwischen den Journalisten. Thekla Reuten als junge Entwicklungshelferin Kim und Matthias Habich als erfahrener Kriegs-Arzt Alain stoßen ebenso mit ihren unterschiedlichen Charakteren aufeinander. Die von ungebremstem Hilfswillen angetriebene Kim setzt sich ebenfalls gegen den zurückgenommenen und amtsmüden Alain durch.
Auch hier geht es darum: Was riskiere ich selbst, um anderen Menschen zu helfen? Eine Fragestellung, die sich mühelos aus dem Krisengebiet heraus in den deutschen Alltag übertragen lässt, etwa wenn man Zeuge eines Gewaltverbrechens in der U-Bahn wird.
Mit seinem Kinodebüt liefert von Naso viel Diskussionsstoff: «Grundsätzlich sind diese Frage nicht auf den Irak beschränkt», sagt der Filmemacher, der für «Waffenstillstand» bei Festivals in Montreal und Zürich ausgezeichnet wurde. Die Problematik habe eine Gültigkeit, die über den konkreten Konflikt hinausweise. Zudem habe es von Naso als wichtig empfunden, «einen Film über den Irak zu machen, der nicht wie die meisten anderen Filme zu dem Thema aus einer Soldatenperspektive erzählt wird».
Die Reisegemeinschaft aus Reportern und Helfern fährt mit ihrem Kleinbus schließlich immer tiefer in das Zentrum des Kriegskonflikts hinein und sieht sich mit schier unlösbaren Schwierigkeiten konfrontiert. Die schwitzige Enge des Wagens überträgt sich dabei auf den Betrachter. Eine nervenaufreibende Situation für die Figuren im Film wie auch für die Zuschauer im Kino. (© AP)




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