Furcht vor unbegrenzter "Kettenbefristung"

veröffentlicht am 17.03.2010


Immer mehr Arbeitnehmer werden in Deutschland nur noch befristet neu eingestellt. Fast jeder zweite Vertrag ist bei neuen Jobs inzwischen zeitlich begrenzt. Der Anteil sei von 32 Prozent im Jahr 2001 auf 47 Prozent im ersten Halbjahr 2009 gestiegen, sagte Martin Dietz vom Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) am Mittwoch der Nachrichtenagentur DAPD und bestätigte damit einen Bericht der «Süddeutschen Zeitung».

 

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Düsseldorf/Nürnberg - Immer mehr Arbeitnehmer werden in Deutschland nur noch befristet neu eingestellt. Fast jeder zweite Vertrag ist bei neuen Jobs inzwischen zeitlich begrenzt. Der Anteil sei von 32 Prozent im Jahr 2001 auf 47 Prozent im ersten Halbjahr 2009 gestiegen, sagte Martin Dietz vom Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) am Mittwoch der Nachrichtenagentur DAPD und bestätigte damit einen Bericht der «Süddeutschen Zeitung». Betroffen sind vor allem jüngere Beschäftigte und Berufseinsteiger.


Hauptgrund für den Anstieg befristeter Arbeitsverträge ist nach Dietzs Einschätzung der Wunsch von Betrieben nach mehr Flexibilität. Vor allem im Dienstleistungsbereich würden viele Unternehmen zeitlich begrenzte Neueinstellungen bevorzugen. Auch der öffentliche Dienst habe im Jahr 2006 zwei Drittel seiner Neueinstellungen nur befristet vergeben. Hier dürfte die unsichere Haushaltslage ein Hauptgrund sein.


Zeitlich begrenzte Arbeitsverhältnisse seien auch ein beliebtes Mittel, um vor allem bei jungen Menschen die Probezeit zu verlängern. So hätten nach Angaben des Statistischen Bundesamts 40,7 Prozent der neu eingestellten 15- bis 19-Jährigen im Jahr 2008 einen Zeitvertrag gehabt und noch immer jeder Vierte der 20- bis 25-Jährigen.


Dietz weist aber auch darauf hin, dass knapp die Hälfte der Arbeitnehmer nach einem Zeitvertrag unbefristet übernommen werden. Entscheidend sei also die Job-Perspektive. «Ein befristeter Arbeitvertrag bei einem gesunden Unternehmen ist möglicherweise besser als ein unbefristeter Vertrag in einem Betrieb, dem es schlecht geht», erklärt der IAB-Forscher.


Die stellvertretende DGB-Vorsitzende Ingrid Sehrbrock kritisierte in der «SZ», besonders junge Menschen seien durch befristete Arbeitsverträge dazu gezwungen, ihre Lebens- und Familienplanung am nächsten verfügbaren Job auszurichten. Sie forderte die Bundesregierung auf, die Unternehmen per Gesetz dazu zu zwingen, Befristungen stets zu begründen. «Damit wären Vertretungen oder Abdeckung von Auftragsspitzen erlaubt, Befristungen ins Blaue hinein aber nicht.»


Das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung befürchtet, dass es künftig gerade in Konzernunternehmen mit mehreren rechtlich eigenständigen Töchtern zu unbegrenzten «Kettenbefristungen» kommen könnte. Pläne der Großen Koalition zum Arbeitsrecht sehen laut WSI vor, dass es künftig wieder möglich sein soll, unbegrenzt häufig, sachgrundlose befristete Arbeitsverträge mit demselben Arbeitgeber abzuschließen. Zwischen zwei Arbeitseinsätzen müsse dann lediglich eine Frist von einem Jahr liege, erklärte das Institut.


Erst am Dienstag hatte das Statistische Bundesamt mitgeteilt, dass die Zahl der Beschäftigten mit befristeten Arbeitsverträgen insgesamt 2008 den höchsten Stand seit der Wiedervereinigung erreicht hat.  (© AP)



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