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Die Ungereimtheiten von Gorleben

veröffentlicht am 15.03.2010


Die CD-ROM voller offizieller Dokumente trägt den Titel «Geheimakte Gorleben». Die Bürgerinitiative (BI) Lüchow-Dannenberg hat sie rechtzeitig zur Wiederaufnahme der Erkundung des gleichnamigen Salzstocks veröffentlicht. Die einst vertraulichen Papiere reichen von der Auswahl des Endlagerstandortes 1977 bis zu mutmaßlichen Belegen für einen Endlagerbau, der angeblich unter dem Namen Erkundung in Gorleben schon stattfinden soll.

 

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Hannover - Die CD-ROM voller offizieller Dokumente trägt den Titel «Geheimakte Gorleben». Die Bürgerinitiative (BI) Lüchow-Dannenberg hat sie rechtzeitig zur Wiederaufnahme der Erkundung des gleichnamigen Salzstocks veröffentlicht. Die einst vertraulichen Papiere reichen von der Auswahl des Endlagerstandortes 1977 bis zu mutmaßlichen Belegen für einen Endlagerbau, der angeblich unter dem Namen Erkundung in Gorleben schon stattfinden soll. In jedem Fall zeigen die Schriftstücke, dass das Endlagerprojekt Gorleben von Anfang unter keinem guten Stern stand.


Schon bei der Auswahl des Salzstocks spielte die für die Endlagersicherheit entscheidende Geologie allenfalls am Rande eine Rolle. Dies zeigt eine Vorlage für das niedersächsische Landeskabinett aus dem Dezember 1976. In das Auswahlverfahren wurden über 140 Salzstöcke in Niedersachsen einbezogen. Das Endlager sollte aber Teil eines zwölf Quadratkilometer großen «Nuklearen Entsorgungszentrums» werden, das auch eine Wiederaufbereitungsanlage und diverse Zwischenlager umfassen sollte.


Die meisten Salzstöcke wurden deswegen gleich wieder ausgeschlossen, weil über ihnen zwölf Quadratkilometer Ansiedlungsfläche fehlten. Die übrigen Standorte bewertete das Land nach einem Punktesystem. Dabei entfielen laut Kabinettsvorlage nur 12,8 Prozent der erreichbaren Punkte auf die Geologie des Salzstocks. Ausschlaggebend waren für eine Wiederaufbereitungsanlage wichtige Kriterien wie Verkehrsanbindung, dünne Besiedlung, wenig Nutzung des Geländes, wenig Erholungswert der Umgebung und keine Gewinnung von Trinkwasser.


Zwei Jahre nach der Auswahl von Gorleben zum Standort erklärte der damalige niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) aber ein riesiges Entsorgungszentrum für nicht mehr durchsetzbar. Es blieb beim Endlagerstandort Gorleben.


Allerdings rächte sich die geringe Stellenwert der Geologie bei der Auswahl bald. Die Untersuchung des Gorlebener Salzstocks durch Bohrungen erbrachte nicht die gewünschten Ergebnisse. Es stellte sich heraus, dass es über dem Salzstock keine geschlossene Gesteinsschicht gab. Anstelle eines Radioaktivität zurückhaltenden «Deckgebirges» fand man eine in der Eiszeit entstandene, mit Geröll gefüllte Rinne und wasserführende Zonen, die in das Salz hineinragten.


Die physikalisch-technische Bundesanstalt kam 1983 zu dem Schluss, dass das Deckgebirge «nicht in der Lage wäre, Kontaminationen auf Dauer von Biosphäre zurückzuhalten». Die offiziellen Gutachter hielten den Salzstock nur für die Endlagerung schwach- und mittelaktiven Abfalls sicher geeignet und empfahlen «parallel laufende übertägige Erkundungsmaßnahmen anderer Standorte». Die CD der Bürgerinitiative dokumentiert, dass die Wissenschaftler diesen Vorschlag auf Druck der damaligen CDU/FDP-Bundesregierung aus der Endfassung ihres Gutachtens streichen mussten.


Am 13. Juli 1983 beschloss das Bundeskabinett, den Salzstock Gorleben durch den Bau eines Bergwerkes untertägig zu erkunden. Dazu wurde ein bergrechtlicher Rahmenbetriebsplan erlassen, der das geplante Erkundungsbergwerk samt Zeitplan grundsätzlich genehmigte. Er sah neun durch Stollen begrenzte Bereiche vor, die von 1986 bis 1992 unter Tage erkundet werden sollten.


Allerdings kamen die Arbeiten in Gorleben schon 1978 für fast zwei Jahre zum Stillstand. Nach einem Unfall im Endlagerschacht I, bei dem ein Bergmann von einem herabfallenden Stützring erschlagen wurde, verformte sich der Schacht derart, dass er weitgehend mit Beton gefüllt werden musste. Weitere Verzögerungen beim Schachtbau gab es später durch Laugeneintritte im Übergangsbereich vom Gestein zum Salz.


1992 weigerte sich schließlich die dann rot-grüne niedersächsische Landesregierung vorübergehend, den ausgelaufenen Rahmenbetriebsplan zu verlängern. Im Jahr 2000 verhängte schließlich die rot-grüne Bundesregierung jenes zehnjährige Gorleben-Moratorium, das Bundesumweltminister Norbert Röttgen nun wieder aufgehoben hat.


Bis zum Moratorium wurde in Gorleben unter Tage nur einer von neun vorgesehenen Bereichen durch ein Karree von Stollen erkundet. Die Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg hat dennoch die Erkundung stets als Endlagerbau angesehen. Sie kann sich dabei auf einen internen Vermerk des Bundesamtes für Strahlenschutz an das Bundeswirtschaftsministerium berufen, nach dem «die Erkundungskosten in Gorleben außerordentlich hoch lagen, weil hier parallel zur Erkundung bereits der Ausbau zum Endlager begonnen wurde».


Die Initiative will gegen die Erkundung erneut vor Gericht ziehen. Allerdings hat das Bundesverwaltungsgericht die strittige Erkundung des Salzstocks ohne ein atomrechtliches Genehmigungsverfahren schon in zwei Urteilen 1990 und 1995 unbeanstandet gelassen.  (© AP)


Schlagwörter

SalzstockAtommüll

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