Online-Diagnosen & virtuelle Behandlungen: Telemedizin wird immer wichtiger
veröffentlicht am 13.03.2010

Ist hier irgendwo ein Arzt? Diese Frage kann über Leben und Tod entscheiden. An abgelegenen Orten oder auf einem Langstreckenflug stehen die Chancen oft schlecht.
Frankfurt/Main - Ist hier irgendwo ein Arzt? Diese Frage kann über Leben und Tod entscheiden. An abgelegenen Orten oder auf einem Langstreckenflug stehen die Chancen oft schlecht. Mit Telemedizin könnte sich das bald ändern. Online-Diagnosen und virtuelle Behandlungen könnten schon bald zum Alltag gehören. Doch das technisch Machbare setzt sich in Deutschland bisher nur langsam durch.
Bei chronischen Erkrankungen wie Diabetes oder Herzinsuffizienz hat sich die Telemedizin bereits etabliert. Hier können Patienten schon heute über elektronische Systeme ihre Werte messen und an eine Klinik senden lassen. «Wenn man bestimmte Parameter regelmäßig erfasst, kann man auch aus der Distanz einschätzen, ob sich der Patient in einer guten gesundheitlichen Verfassung befindet», sagt Martin Schultz vom Telemedizinzentrum der Charité in Berlin. Wenn in der Gesamtschau aus Daten wie Körpergewicht, Blutdruck und EKG etwas nicht in Ordnung ist, könne dann automatisch ein Notarzt alarmiert werden.
An der Charité werden gegenwärtig einige hundert Herzpatienten über ein solches «Tele-Monitoring» versorgt. Ähnliche Projekte gibt es auch an anderen deutschen Kliniken. Bei einer älter werdenden Bevölkerung und einer vor allem in ländlichen Regionen rückläufigen Arztdichte kommt solchen technischen Lösungen eine immer größere Bedeutung zu. Bei gleichbleibenden Budgets zwingt die demografische Entwicklung zu mehr Effizienz zu dem Ergebnis kommt auch eine aktuelle Studie der Unternehmensberatung Roland Berger.
«Das Problem ist, dass die meisten telemedizinischen Leistungen noch nicht in die Regelversorgung integriert sind», sagt Schultz. Erst wenn die Effektivität nachgewiesen ist, seien die Krankenkassen bereit zu zahlen. Denn bevor die neue Technik Einsparungen erzeugen kann, sind oft erst große Investitionen nötig in neue Anlagen und in neue Ausbildungen. Auch die deutschen Gesetze stehen einem flächendeckenden Einsatz von Telemedizin bislang im Wege.
In anderen Ländern ist man in Sachen elektronischer Kommunikation und Datenerfassung in der Gesundheitsversorgung schon weiter. «In Skandinavien ist das fester Bestandteil der medizinischen Praxis», sagt Bernhard Wolf von der TU München. In Deutschland gäbe es im Bereich der Telemedizin dagegen nur «Inselaktivitäten». Als Inhaber eines Lehrstuhls für Medizinische Elektronik ist Wolf auch in einem zukunftsweisenden Projekt in der Schweiz involviert. Unter dem Namen «Medgate» gibt es hier bereits so etwas wie eine «Telemedizin-Praxis».
Wer sich bei Medgate als Mitglied registriert, kann nach einer Eingangsuntersuchung zu jeder Tag- und Nachtzeit in der Praxis anrufen und medizinische Beratung erhalten. Auf Basis der telefonischen Sprechstunde können auch bestimmte Medikamente gleich an den Patienten verschickt werden. Sollte sich bei dem Gespräch herausstellen, dass es sich um eine ernstere Sache handelt, wird sofort ein Notarzt geschickt.
Wolf geht davon aus, dass sich bei rückgehender Ärztedichte solche Modelle auch in Deutschland durchsetzen werden. Je nach Gesetzeslage könne das sogar sehr schnell passieren. Das würde allerdings ein grundsätzliches Umdenken erfordern, gerade bei älteren Patienten. Trotzdem sieht Wolf in den Entwicklungen vor allem eine Chance: «Es stellt ja auch eine Form von Emanzipation dar, das heißt, Sie müssen nicht immer in die Praxis und sparen ja auch Zeit dadurch.»
Und in manchen Fällen geht es gar nicht anders. Wenn etwa an Bord eines Flugzeugs ein Passagier einen Schlaganfall erleidet, ist Telemedizin vielleicht die einzige Rettung. Das Telemedizinzentrum der Charité in Berlin hat daher gemeinsam mit der Lufthansa ein Projekt initiiert, das die Möglichkeit einer medizinischen Hilfeleistung auch in der Luft anstrebt. Per Videokonferenz soll dabei ein Arzt von einem «Contact-Center» aus die Erstuntersuchung übernehmen, alle relevanten Daten prüfen und schließlich entschieden, ob eine Ausweichlandung notwendig ist.
Im Alltag wird der persönliche Kontakt zwischen Arzt und Patienten wohl auch in Zukunft eine entscheidende Rolle spielen. Eine ärztliche Behandlung ausschließlich über Telefon oder Internet ist nach dem «Fernbehandlungsverbot» in Deutschland nicht zulässig. Bernhard Wolf ist dennoch überzeugt, dass die Akzeptanz von Telemedizin steigen wird: «Wenn sie zwar einen Hausarzt haben, aber viel unterwegs sind, ist es als zusätzliches Betreuungselement sehr interessant.» Gleichzeitig mahnt er, auch die Berührungsängste der älteren Generation gegenüber einer «seelenlosen Gerätemedizin» ernst zu nehmen. «Es gibt Leute, die so etwas können, und andere, die es nicht können. Es ist ein Angebot. Auf der Basis sollte man es auch einführen.» (© AP)




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