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Vor 45 Jahren spielte Louis Armstrong als erster US-Künstler in der DDR

veröffentlicht am 12.03.2010


Frühjahr 1965. Knapp vier Jahre zuvor wurde in Berlin die Mauer gebaut, der DDR fehlt die internationale Anerkennung. Im März 1965 gab es dann ein sensationelles, heute fast vergessenes Ereignis: Der amerikanische Jazzmusiker Louis Armstrong startet zu einer Tournee durch fünf osteuropäische Länder.

 

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Magdeburg - Frühjahr 1965. Knapp vier Jahre zuvor wurde in Berlin die Mauer gebaut, der DDR fehlt die internationale Anerkennung. Im März 1965 gab es dann ein sensationelles, heute fast vergessenes Ereignis: Der amerikanische Jazzmusiker Louis Armstrong startet zu einer Tournee durch fünf osteuropäische Länder. Es ist die erste Konzertreise eines US-Bürgers hinter dem Eisernen Vorhang.


Der Journalist Stephan Schulz stöberte zwei Jahre lang in Archiven, traf Zeitzeugen und erfuhr spannende Geschichten, die er in seinem Buch «What a wonderful world - als Louis Armstrong durch den Osten tourte» niederschrieb. Es kommt pünktlich zum 45. Jahrestag der Tournee in den Buchhandel.


«Armstrongs Musik war wie ein Tauchsieder», erfuhr Schulz. «Es war faszinierend, wie lebendig die Zeitzeugen berichtet haben.» Unter den etwa 100 Gesprächspartnern waren Fotografen und ein Mitarbeiter der Künstleragentur, eine Schülerin, ein Konzertansager, Besucher.


Spannend die Legende, wie es überhaupt zu der Konzertreise kam. «Jazz galt als Symbol der Freiheit», sagt Schulz. «Die DDR bemühte sich, Louis Armstrong einzuladen und als Kämpfer gegen den Rassismus zu verkaufen.» Erste Versuche scheiterten. Die DDR hatte keine Devisen, um den Jazzmusiker zu bezahlen. Da tauchte die Rettung in Gestalt eines Schweizer Geschäftsmannes auf.


Schulz sprach auch mit einem Mitarbeiter der DDR-Künstleragentur, die die Konzertreise organisierte. «Er wusste von dem Gerücht, dass Armstrong der DDR die Konzertreise kostenlos angeboten hat, meint aber, das stimme nicht. Er selbst traf den Schweizer dreimal in Berlin, verhandelte mit ihm und fädelte die Tournee schließlich ein.» Der Deal: Der Schweizer zahlte das Honorar für die Musiker und durfte im Gegenzug Antiquitäten aus der DDR ausführen, historische Waffen aus dem Dreißigjährigen Krieg. «Hier gibt es allerdings auch andere Legenden. Eine weiß von Zeiss-Instrumenten, die der Schweizer kaufte, eine andere, dass die Waffen nachgebaut waren.»


Als die Konzertkarten verkauft wurden, bildeten sich lange Schlangen an den Kassen. «In Berlin wurden an einem einzigen Tag 18.000 Karten verkauft - Armstrong gab dort sechs Konzerte an drei Tagen. Ich habe Fotos gesehen, auf denen sich die Menschenschlange mehrfach um das Gebäude wickelt.»


Es gibt viele Anekdoten rund um die Armstrong-Tournee. Die Staatssicherheit hatte, weiß Schulz, alle inoffiziellen Mitarbeiter aktiviert, um Provokationen im Keim zu ersticken. In Magdeburg wurde der Weltstar von einer 17-jährigen Schülerin begrüßt, weil niemand von den Offiziellen Englisch sprach. Eiligst besorgte sie noch ein paar Blumen - weiße Callas. Friedhofsblumen - die einzigen, die aufzutreiben waren.


«Hübsch ist aber auch die Geschichte mit der Sperrung der Autobahn», sagt der Buchautor. «Armstrong fand sich plötzlich mitten im Kalten Krieg wieder, als er von Berlin in Richtung Westen fuhr. Die Autobahn war gesperrt, weil just an jenem Tag der Bundestag in Westberlin tagte und die DDR-Regierung das wegen des Viermächtestatus als ungeheure Provokation empfand.» Also musste der Bus mit Armstrongs Crew den Weg über die Landstraßen nehmen und blieb in Genthin mit einer Reifenpanne liegen. Plötzlich hatten die DDR-Bürger dort Kontakt zu dem Star aus den USA.


Die Tournee im Frühjahr 1965 wurde ein riesiger Erfolg. Überall tobte das Publikum. Es gab es bis zu 15 Minuten tosenden Beifall. Die Konzerte waren ausverkauft, einzig das in Schwerin musste wegen zu geringer Nachfrage abgesagt werden. «Armstrong selbst soll damals gesagt haben, dass er eine solche Begeisterung für den Jazz nirgendwo sonst je erlebt hat», berichtet Schulz. Eines allerdings gelang nicht: Armstrong ließ sich nicht politisch vereinnahmen. «Er sagte, er spiele für die Eskimos am Nordpol und wenn es sein muss, auch für die Pinguine am Südpol. Armstrong wird als herzlicher Mensch beschrieben. Sein Anliegen war es einfach, die Menschen zu unterhalten.»  (© AP)


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