Alternative Wohnprojekte kaufen Immobilien
veröffentlicht am 06.01.2010

Schon die Küche macht deutlich, dass es sich um eine ganz besondere Wohngemeinschaft handelt. An der Wand prangt ein Zeitungsausschnitt, in dem der neueste Wasserwerfer der Polizei vorgestellt wird. Am Tisch hätte eine Großfamilie Platz.
Frankfurt/Main - Schon die Küche macht deutlich, dass es sich um eine ganz besondere Wohngemeinschaft handelt. An der Wand prangt ein Zeitungsausschnitt, in dem der neueste Wasserwerfer der Polizei vorgestellt wird. Am Tisch hätte eine Großfamilie Platz. Rote Girlanden in Herzchenform sind an den Holzbalken befestigt, die den rund 300 Jahre alten Raum durchziehen. Wie die 14 Bewohner zwischen 18 und 43 sich organisieren, ist ihnen völlig freigestellt, denn sie sind nicht Mieter, sondern Eigentümer.
«Das Haus gehört uns», sagt Daniel G., der seit Anfang 2005 in dem alternativen Wohnprojekt «Assenland» in Frankfurt lebt. Zusammen mit seinen Mitbewohnern Elisabeth Klatter und Michael Trittin sitzt er in der Küche und erklärt, wie sie ohne Geld Hausbesitzer werden konnten. Denn so einiges an der bunten Truppe passt nicht zum gängigen Bild vom bausparenden Biedermeier.
2006 hat es endlich geklappt, den Kapitalismus und den Mietmarkt gewissermaßen mit den eigenen Mitteln zu schlagen. Dabei nutzten die Bewohner das Modell des sogenannten «Mietshäuser Syndikats», das von einer Freiburger Initiative entwickelt wurde. 50 Hausprojekte wurden nach diesem Vorbild bis heute realisiert, 17 weitere sind in Vorbereitung.
Zusätzlich zu einem Bankkredit, der mit Hilfe der Mieten wieder abbezahlt wird, werben die Bewohner dabei Direktkredite von Unterstützern ein. Das Syndikat beteiligt sich zur Hälfte an einer GmbH, die das Haus kauft, und liefert so einen Teil des Startkapitals.
Im Gegenzug verpflichtet sich die Hausgemeinschaft, den Solidarverbund ideell und finanziell zu unterstützen. Der Beitrag steigt, wenn die Schulden sinken. Keine Hausgemeinschaft wird also je mietfrei wohnen. Sollte sich die Gruppe eines Tages auflösen, könnte sie ihr Haus auch nicht verkaufen. Dagegen hat sich das Mietshäuser Syndikat durch seinen Status als Gesellschafter der GmbH abgesichert. So hat es die Initiative geschafft, den Immobilienmarkt mit der die urkapitalistischen Organisationsform GmbH auszuhebeln.
«Es ist schon so, dass wir am Wochenende nicht zum Golf spielen gehen, sondern eher mal auf `ne Demo», sagt G., ein 35 Jahre alter Sozialarbeiter, der seinen Nachnamen nicht nennen möchte. Doch viele Wochenenden haben die Bewohner seit dem Kauf auch mit sehr bodenständiger Beschäftigung verbracht: Renovieren der Bäder, Streichen der Wände oder Gartenarbeit. Ziel sei es, nicht bloß zusammen zu wohnen, sondern zusammen zu leben, beteuern sie. «Wer seine Ruhe haben will, kann auch woanders hinziehen», meint der 18-jährige Trittin, der als Maurer arbeitet.
Hervorgegangen ist die Wohngemeinschaft aus einem Wohnprojekt für Punker, das 1987 in dem denkmalgeschützten Bau unterkam. Im ersten Stock, in der «Höhle», sind noch Spuren der damaligen Zeit zu sehen. Wände und Decken sind höhlenartig modelliert und grau-schwarz gestrichen, wie in einer Geisterbahn.
Im Wohnzimmer hingegen stehen Sofas und Couches auf abgeschliffenem Parkett, der beigefarbene Lehmputz an den Wänden sorgt für eine angenehme Atmosphäre. Der Raum sei vorher schwarz gestrichen gewesen, mit einem aufgemalten Flammenmeer, das über ein Dorf hereinbricht. Das sei schon «sehr rustikal» gewesen, sagt Klatter. Jetzt sind es äußerlich nur noch wenige Farbtupfer, die die alternative von einer Allerwelts-WG unterscheiden. Vor einem Zimmer etwa liegen verstreut drei Paar Springerstiefel, deren Besitzer vermutlich nicht bei der Bundeswehr arbeitet.
Das Mietshäuser Syndikat hat seinen Ursprung in der Hausbesetzerbewegung der 80er Jahre, frei nach dem Motto: Hausbesetzer werden zu Hausbesitzern. Aber auch generationenübergreifendes Wohnen gehört zu den Ideen, wie Jochen Schmidt erklärt, einer der Organisatoren der Initiative. «Die Idee kommt schon aus einer linksalternativen Ecke, aber nicht nur.» Auf den bundesweiten Treffen seien Teilnehmer mit bunter Irokesenfrisur ebenso zu sehen wie bieder gekleidete.
Einen idealistischen Hintergrund müsse ein jedes Projekt aber schon haben, sagt Schmid. «Einfach nur gemeinschaftlich wohnen zu wollen reicht nicht.» Jeden Dienstag diskutieren die Bewohner die anstehenden Fragen im Plenum, die Teilnahme an der basisdemokratischen Runde ist Pflicht. Alle wichtigen Entscheidungen müssen einstimmig fallen. G. ist stolz darauf, dass sie in dem alten Haus die Verhältnisse umgekrempelt haben: «Vor 200 Jahren hat hier eine Großfamilie mit ihren Dienstmägden gewohnt, heute sind wir eine große WG.» (© AP)




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