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Mit vorgetäuschtem Krebs raus aus Gaza

veröffentlicht am 10.12.2009


Akram Ghneim wollte unbedingt raus aus dem Gazastreifen. Also zahlte der 31-jährige Familienvater einem Vermittler umgerechnet rund 180 Euro, woraufhin ein Arzt ihm eine Krebserkrankung bescheinigte. Damit hoffte er, nach Israel ausreisen und dort untertauchen zu können.

 

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Gaza - Akram Ghneim wollte unbedingt raus aus dem Gazastreifen. Also zahlte der 31-jährige Familienvater einem Vermittler umgerechnet rund 180 Euro, woraufhin ein Arzt ihm eine Krebserkrankung bescheinigte. Damit hoffte er, nach Israel ausreisen und dort untertauchen zu können. Doch die israelischen Beamten durchschauten das Spiel, und Ghneim wurde nicht ins Land gelassen.


Seit der Machtübernahme der Hamas im Juni 2007 ist der Gazastreifen von der Außenwelt abgeschnitten. Angesichts der dramatischen Versorgungslage suchen viele Palästinenser mit allen Mitteln nach Möglichkeiten zur Ausreise. Fast 50 Prozent der Bewohner würden das Autonomiegebiet am liebsten verlassen, wie eine Umfrage der palästinensischen Behörden ergab. Doch die Chancen sind schlecht, zumal neben einer Einreisegenehmigung nach Israel oder Ägypten auch eine Ausreisegenehmigung seitens der Hamas vorliegen muss. Da werden die Eingeschlossenen immer erfinderischer, um ihrem Ziel näher zu kommen.


Israel erteilt Sondergenehmigungen für den Grenzübertritt von einigen Geschäftsleuten sowie von Kranken, die im Gazastreifen nicht behandelt werden können. Eben deshalb sind ärztliche Atteste für manche Vermittler zum lukrativen Geschäft geworden. Zwischen 100 und 400 Euro werden dafür gezahlt, dass der palästinensische Ausschuss für medizinische Angelegenheiten einem Gaza-Bewohner eine schwere Krankheit bescheinigt und eine Behandlung in Israel empfiehlt.


Die palästinensischen Gesundheitsbehörden bestreiten zwar energisch, dass es solche Bestechungsfälle überhaupt gibt, doch die Beteiligten strafen sie Lügen. Wie Ghneim erwarb auch eine 30-jährige Fatah-Aktivistin, die sich von der Hamas verfolgt fühlte, gegen Geld eine Krebsdiagnose. Ihr gelang es, nach Israel auszureisen und sich anschließend im Westjordanland niederzulassen, wo sie heute noch lebt. Aus Angst vor den israelischen Militärbehörden will sie ihren Namen nicht nennen.


Solche Fälle haben sich in letzter Zeit gehäuft. Von rund 7.000 Bewohnern des Gazastreifens, die in diesem Jahr zur medizinischen Behandlung nach Israel fuhren, sind israelischen Statistiken zufolge etwa 500 nicht nach Hause zurückgekehrt. Deshalb werden die ärztlichen Bescheinigungen inzwischen deutlich kritischer geprüft als in der Vergangenheit. Dies wiederum erschwert die Situation für Patienten, die wirklich krank sind, wie die israelische Sektion von Physicians for Human Rights (Ärzte für Menschenrechte) beklagt. Doch den verzweifelten Menschen im Gazastreifen sei mittlerweile jedes Mittel recht, um «aus ihrem Gefängnis» herauszukommen.


Dazu gehört auch die Bestechung von ägyptischen Beamten. Das südliche Nachbarland lässt nur gelegentlich Studenten sowie Palästinenser mit Wohnsitz im Ausland vom Gazastreifen aus einreisen. Doch für ein angemessenes «Bakschisch» öffnet so mancher Grenzbeamte den Übergang Rafah sogar dann, wenn er offiziell geschlossen ist. Auch hier sind Vermittler am Werk, die von hoffnungsvollen Grenzgängern umgerechnet zwischen 300 und 4.000 Euro verlangen.


Unter der Grenze zwischen Ägypten und dem Gazastreifen verlaufen bekanntlich auch zahlreiche Tunnel, durch die Waren ins abgeschottete Autonomiegebiet eingeschleust werden. Flüchtlinge benutzen sie jedoch kaum, weil sie ohne Papiere auf ägyptischer Seite schnell festgenommen und abgeschoben werden - es sei denn, sie können sich eine Aufenthaltsgenehmigung «kaufen».


Ägyptische Sicherheitsbeamte bestreiten, dass die Grenzpolizei in Rafah sich korrumpieren lässt. Doch wie schon bei den medizinischen Attesten haben zahlreiche Augenzeugen etwas anderes zu berichten. Also werden auch weiterhin Bestechungsgelder gezahlt, obwohl damit keinerlei Garantie verbunden ist. Hasem Rijaschi hat im vergangenen Juli einem Vermittler rund 800 Euro gegeben, um nach Ägypten zu gelangen. Doch der Schleuser machte sich mit dem Geld davon, und Rijaschi sitzt immer noch im Gazastreifen fest.  (© AP)



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