Die langen Gesichter der Minister
veröffentlicht am 28.11.2009

Es hätte für die seit vier Wochen regierenden Minister eine rauschende Ballnacht werden können. Einen Strich durch die Rechnung machte den Politikern von Union und FDP aber nicht die Wirtschaftskrise, denn mit der ließ sich schon im letzten Jahr ganz gut tanzen. Für nachdenkliche Gesichter beim 58.
Berlin - Es hätte für die seit vier Wochen regierenden Minister eine rauschende Ballnacht werden können. Einen Strich durch die Rechnung machte den Politikern von Union und FDP aber nicht die Wirtschaftskrise, denn mit der ließ sich schon im letzten Jahr ganz gut tanzen. Für nachdenkliche Gesichter beim 58. Bundespresseball in Berlin sorgte vielmehr der Rücktritt von Bundesminister Franz Josef Jung wenige Stunden zuvor. Die Opposition feierte dagegen bis zum frühen Samstagmorgen mit umso größerer Partylaune.
Darf man überhaupt feiern, wenn ein Kabinettskollege zurücktritt? Diese Frage stellte sich nicht nur Gesundheitsminister Philipp Rösler. Schließlich entschloss sich der 36-Jährige doch hinzugehen. In der Politik gebe es fast täglich ernste Entscheidungen, meinte der FDP-Senkrechtstarter. «So gesehen käme meine Frau dann gar nicht mehr zum Tanzen», erklärte er.
Außenminister Guido Westerwelle, der die traditionell fehlende Kanzlerin Angela Merkel als ihr Vize vertrat, konnte gar nicht schnell genug vom roten Teppich im Hotel Intercontinental herunter kommen. Der sonst so redselige FDP-Chef, der in den vergangenen Jahren auf dem roten Teppich keinem Interview aus dem Weg ging, war äußerst wortkarg: «Heute abend geht es nicht um Politik», meinte er und erinnerte so schon ein wenig an die legendär muffligen Auftritte eines seiner Vorgänger auf dem Ball - Joschka Fischer.
Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hatte es wohl wegen der Vertuschungsaffäre nach dem Angriff auf Tanklaster in Afghanistan so die Sprache verschlagen, dass er gleich ganz absagte. Innenminister Thomas de Maizière wirkte etwas erschöpft. «Das war eine turbulente Woche», sagte er. «Es ist ein durchwachsenes Gefühl, aber hoffentlich können wir uns heute entspannen.» Auch Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner räumte ein, es sei kein einfacher Tag gewesen, trotzdem solle gefeiert werden. «Jetzt muss man erst mal durchatmen.» Und Umweltminister Norbert Röttgen erklärte vielsagend: Menschlich schätze er Jung außerordentlich.
Der Opposition bereitete der Rücktritt naturgemäß Freude und Genugtuung. SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier sagte: «Da ist einfach zu viel schiefgelaufen.» Grünen-Chefin Claudia Roth feixte, womöglich habe Kanzlerin Angela Merkel «diese Tragikkomödie» bewusst auf diesen Tag gelegt, damit nicht alle darüber redeten, warum sie wieder einmal nicht dabei sei.
Für viel Gesprächsstoff sorgte daneben aber auch die Demission von ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender. «Das sind Vorgänge, die politisch skandalös sind», zürnte Steinmeier. Roth erklärte: «Es ist eine obszöne Strategie, in Personalentscheidungen einzugreifen.» Der DGB-Vorsitzende Michael Sommer meinte, dies sei ein Anschlag auf das politische System. Man überlege, mit rechtlichen Mitteln dagegen vorzugehen.
Trotz allen Ärgers feierten die 2.500 Gäste, unter ihnen Bundespräsident Horst Köhler und seine Frau Eva Luise, dann aber doch bis in die frühen Morgenstunden ausgelassen. Zwar war der Saal angesichts der Krise längst nicht so glanzvoll ausstaffiert wie in den Vorjahren und der Top-Act hieß nicht wie im Vorjahr Status Quo sondern BAP.
Speisen und Getränke waren aber trotz oder wegen des Mottos «Krisenfest» wieder erlesen: So gab es Austern, Rehrücken und Wildschwein. Auch der Champagner floss in Strömen. Und die Preise der Tombola waren wieder attraktiv: So gab es unter anderem Karten für ein Konzert des Leipziger Gewandorchesters in New York, ein emissionsfreies Hybridfahrzeug und eine Reise nach Bali zu gewinnen. (© AP)




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