Stille Helden in böser Zeit
veröffentlicht am 05.10.2009

Zwischen 1943 und 1945 versteckten Münsterländer Bauern eine jüdische Familie und retteten sie vor der Deportation. Bereits 1965 schilderte die Überlebende Marga Spiegel ihre Geschichte in ihrem autobiografischen Buch «Retter in der Nacht». In der am 8.
Frankfurt/Main - Zwischen 1943 und 1945 versteckten Münsterländer Bauern eine jüdische Familie und retteten sie vor der Deportation. Bereits 1965 schilderte die Überlebende Marga Spiegel ihre Geschichte in ihrem autobiografischen Buch «Retter in der Nacht». In der am 8. Oktober anlaufenden Verfilmung «Unter Bauern» spielen Veronica Ferres und Armin Rohde das aus Ahlen stammende Ehepaar Spiegel, das sich nach immer brutaleren Repressalien zu Spiegels altem Freund Heinrich Aschoff flüchtet.
Siegmund «Menne» Spiegel war als Viehhändler Geschäftspartner der Bauern und auch ein alter Kamerad aus dem Ersten Weltkrieg. Als er heimlich Frau und Kind zu Bauer Aschoff bringt, zögert der keine Minute, sie aufzunehmen, obwohl auf dem Hof bereits Ausgebombte und Flüchtlinge leben. Menne Spiegel selbst, dessen Gesicht in der Gegend bekannt ist, wird von Nachbarn auf dem Dachboden versteckt. Und während Spiegel beim zweijährigen Eingeschlossensein langsam verrückt zu werden droht und der Krieg näher rückt, versuchen Marga und ihre kleine Tochter Karin unauffällig im betriebsamen Alltag des Hofes mitzuschwimmen.
Zum Netz der Unterstützer gehörten neben Aschoff auch die Bauern Silkenbömer, Pentrop, Südfeld und Sickmann, ihre Namen sind in Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem verewigt. Eingedenk dessen, dass dort nur 455 Deutsche geehrt werden und unter den 100 Ahlener Juden nur die drei Spiegels überlebten, gibt sich die Handlung erstaunlich unpathetisch - wirft aber interessante Streiflichter auf die Mentalitäten der Großbauern und ihres Umfeldes. So hatten die Helfer weniger die lauten Dorfnazis als ihre eigenen Kinder zu fürchten, die, von der Hitlerjugend indoktriniert, drauf und dran sind, ihre Eltern zu verraten.
Regisseur Ludi Boeken beweist zwar keinen großen inszenatorischen Ehrgeiz, skizziert aber glaubwürdig das Doppelleben unter der Diktatur, zu dessen Widersprüchlichkeiten auch gehört, dass Aschoff seit 1930 NSDAP-Mitglied ist. Ganz ohne kitschige Posten halten nicht nur die wortkargen Bauern, sondern auch viele andere Dörfler zwischen ahnen und nicht-wissen-wollen dicht. Dabei spielen neben einer grundlegenden Anständigkeit und Menschlichkeit vielleicht auch ein tief verwurzeltes Misstrauen gegen die Obrigkeit, der katholische Glaube und eine gewisse Quadratschädeligkeit eine Rolle.
So präsentiert sich die Verfilmung als Geschichtsschreibung von unten und erweist gerade durch ihren verhaltenen Ton dem Mut und der Zivilcourage sogenannter kleiner Leute eine überzeugende Hommage. Die Achillesferse des Films ist aber Veronica Ferres, wegen ihrer Starpower mit dabei, aber mit nur beschränkter mimischer Bandbreite ausgestattet: Man nimmt ihr die unter Todesangst und Daueranspannung lebende Marga kaum ab. Doch das macht fast gar nichts, weil die Nebenfiguren - abgesehen von Aschoff-Tochter Anni, die arg schnell vom glühenden BDM-Mädel zu Margas lebenslang ergebener Freundin umschaltet - umso komplexer sind.
Martin Horn als Aschoff spielt einen Grübler, der Gefühle in der Kneipe im Glas ertränkt, sich über seine barsche Frau beklagt und unbeholfen mit der schönen Marga zu flirten versucht. Zur heimlichen Heldin steigt aber just jenes unwirsche, namenlose Ehegespons (Margarita Broich) auf. Verhärmt und von der harten Arbeit früh gealtert, nimmt Aschoffs Frau die Spiegels spürbar widerwillig auf. Der Neid auf die feine Dame aus gebildetem Milieu verschwindet nie ganz, die Verzweiflung über den gefallenen Sohn macht sie zur gebrochenen Frau. So gelingt mit dieser zwiespältigen Figur wie nebenbei ein berührendes Frauenporträt aus der bösen alten Zeit. (© AP)




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