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Aktien zwischen schwarz-gelber Hoffnung und Fiskal-Sorgen

veröffentlicht am 17.09.2009


Wer nur auf den deutschen Aktienmarkt blickt, könnte glauben, die schwerste Finanzmarktkrise seit der Großen Depression sei bereits überwunden. Der DAX hat seit dem Jahrestief im März um mehr als 50% zugelegt; die Investoren setzen darauf, dass die Weltwirtschaft im zweiten Halbjahr auf den Wachstumspfad zurückfindet. Dabei ist noch völlig unklar, wie stark der Aufschwung in den kommenden Jahren ausfallen wird und ob ein Anschluss an das alte Potenzialwachstum möglich ist.

 

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Frankfurt - Wer nur auf den deutschen Aktienmarkt blickt, könnte glauben, die schwerste Finanzmarktkrise seit der Großen Depression sei bereits überwunden. Der DAX hat seit dem Jahrestief im März um mehr als 50% zugelegt; die Investoren setzen darauf, dass die Weltwirtschaft im zweiten Halbjahr auf den Wachstumspfad zurückfindet. Dabei ist noch völlig unklar, wie stark der Aufschwung in den kommenden Jahren ausfallen wird und ob ein Anschluss an das alte Potenzialwachstum möglich ist.


Zwar wird der Ausgang der Bundestagswahlen am 27. September hierauf nur eine geringe Auswirkung haben, für einzelne Sektoren kann es aber schon einen großen Unterschied machen, ob Schwarz-Gelb oder eine Große Koalition - die wahrscheinlichsten Regierungskonstellationen - an die Macht kommt.


Mit Blick auf die Wahlprogramme sehen Beobachter Aufwärtspotenzial vor allem bei Versorgern unter Schwarz-Gelb. Sowohl CDU/CSU als auch die FDP sprechen sich für eine Verlängerung der Laufzeiten bestehender Kernkraftwerke aus. Hiervon sollten die Aktien deutscher Energieunternehmen profitieren können, glauben etwa M.M.Warburg oder UniCredit.


Unabhängig vom Wahlausgang sieht die UniCredit Aufwärtspotenzial für Unternehmen aus dem Bereich alternativer Energien. Alle Parteien verfolgten das Ziel einer deutlichen Erhöhung von deren Anteil am gesamten Energieverbrauch. Daneben nähmen die Förderung der Energieeffizienz und von Elektroautos breiten Raum ein. Die nächste Regierung werde hier mit gesetzgeberischen Maßnahmen neue Impulse setzen. Allerdings, schränkt Analyst Tammo Greetfeld ein, seien die Pläne der Parteien nicht ausreichend konkret, um einzelne Unternehmen hervorheben zu können.


Für den Finanzsektor, der durch die Finanzkrise die dramatischsten Umwälzungen erlebte, wird die mögliche Einführung einer Börsenumsatzsteuer, wie von SPD, Grünen oder Linken gefordert, von Marktteilnehmern als eindeutig negativ gewertet. Nach Einschätzung von Carsten Klude, Chefvolkswirt von M.M.Warburg, würde eine solche Maßnahme auf Unverständnis bei in- und ausländischen Investoren stoßen und einen Wettbewerbsnachteil für den Finanzplatz Deutschland bedeuten. Daher hält die UniCredit die tatsächliche Einführung für unwahrscheinlich.


Vorsichtig äußert sich Klude auch zu einer möglichen Verschärfung der Regularien an den Finanzplätzen. Alle Parteien verlangten zwar in der einen oder anderen Form eine Stärkung der Bankenaufsicht. Dies sei im nationalen Alleingang aber kaum möglich, da ein solcher Schritt zu Nachteilen für deutsche Finanzinstitute führen würde.


International scheine derweil die Bereitschaft für Reformen schon wieder nachzulassen. Gegenwind komme hierbei vor allem aus Großbritannien und den USA, so Klude. Offenbar lasse die Erholung an den Finanzmärkten und der sich abzeichnende wirtschaftliche Aufschwung die Dringlichkeit von Reformen wieder in den Hintergrund treten.


Das bestimmende Thema für die nächste Bundesregierung egal welcher Couleur wird, darin sind sich die Strategen einig, die schwierige Haushaltslage und die Frage der Konsolidierung der Staatsfinanzen sein. Dies werde den Spielraum erheblich einschränken. Die Krisenbewältigung, so Jörg Lüschow von der WestLB, bestimme die Wahlprogramme.


Gleichwohl sieht die WestLB hierin keine in sich geschlossenen Programme, die den Wirtschaftsstandort Deutschland nachhaltig voranbrächten, wie das etwa bei der Agenda 2010 durchaus der Fall gewesen sei. In diesem Sinne äußert sich auch Carsten Klude: "Die Wahlen werden nicht kriegsentscheidend sein." Von wesentlich größerer Bedeutung für das Wohlergehen der Unternehmen und die langfristige Performance des DAX werde die Entwicklung der Weltwirtschaft sein.


Die massiven Konjunkturprogramme der Regierungen und die Maßnahmen zur Stützung des Arbeitsmarktes haben tiefe Löcher in die Staatsfinanzen gerissen. Elga Bartsch von Morgan Stanley schätzt, dass sich das Defizit innerhalb der Europäischen Union im kommenden Jahr auf noch nie gesehene 7,4% des BIP belaufen wird. Die Staatsverschuldung soll sich zugleich auf 82% des BIP erhöhen, was einen Anstieg von etwa 20% von vor der Krise darstellen würde.


Nur durch eine Kombination aus Ausgabenkürzungen, Privatisierungen und Steuererhöhungen könne das fiskalische Gleichgewicht in Europa wiederhergestellt werden, ist Bartsch überzeugt.


Umfangreiche Steuersenkungen und andere Maßnahmen zur Verbesserung der Standort- und Wachstumsbedingungen in Deutschland sind daher nach Einschätzung von Lüschow mangels finanzieller Spielräume wenig wahrscheinlich. Auch für den Arbeitsmarkt und andere Bereiche der Wirtschaft rechnet die WestLB nicht mit wesentlichen Änderungen. Insofern dürften in der kommenden Legislaturperiode von der Finanz- und Wirtschaftspolitik keine großen Impulse auf das langfristige Wachstum ausgehen.


Damit soll nicht gesagt sein, dass es für den Aktienmarkt vollkommen unerheblich ist, wer als Gewinner aus den Bundestagswahlen hervorgehen wird. Marktteilnehmer sind überzeugt, dass der Aktienmarkt auf einen Wahlsieg von Schwarz-Gelb wohl am positivsten reagieren würde. Unter einer schwarz-gelben Regierung sieht man noch die größte Chancen auf Reformen - in der Vergangenheit hat sich der Aktienmarkt unter konservativen Regierungen deutlich besser entwickelt.


Eine Fortsetzung der Großen Koalition wird von den meisten Analysten als neutral für Aktien gewertet. Einig sind sie sich darin, dass sich eine Regierung mit Linken auf jeden Fall negativ an den Finanzmärkten bemerkbar machen würde. Tammo Greetfeld von der UniCredit rechnet dann mit deutlichen Verlusten. Der Unterschied liege in der jeweils vermuteten Steuerpolitik - so haben sich die Linken für höhere Unternehmenssteuern ausgesprochen - und dem Ausmaß möglicher Staatseingriffe in die Wirtschaft.


Besonders gut entwickelte sich der DAX in Wahljahren, in denen es zu einem Regierungswechsel kam, wie die Deutsche Bank in einer Studie ermittelt hat. Hier ging es im Schnitt um 19,4% nach oben, wobei Wahljahre per se mit einem durchschnittlichen Minus von 1,5% eher schlecht für deutsche Aktien sind. Und in 21 Jahren SPD-geführter Regierungen hat der DAX jährlich nur ein Plus von durchschnittlich 2% ausgewiesen, in 29 Jahren konservativer Regierungen aber im Schnitt um 14% zugelegt. Außen vor blieben Jahre mit großen Koalitionen.


Aus Sicht der Statistiker steht die bisherige Performance des DAX 2009 einem Regierungswechsel zumindest nicht im Wege. Immerhin hat der Leitindex seit Jahresbeginn rund 800 Punkte oder gut 16% auf 5.600 zulegen können.  (© Dow Jones)



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