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31. Juli 2008
Popmusik und Wahlkampf - ein wahres Minenfeld


New York - Als aufstrebender junger Musiker hat John Mellencamp Anfang der 80er Jahre einen Hit geschrieben, der die USA auf den ersten Blick ziemlich selbstgefällig preist: «Aint" that America; we"re something to see. Ain"t that America: home of the free. Little pink houses for you and me» - der wahrgewordene Traum vom stolzen, demokratischen Land, in dem es für viele zum kleinen Häuschen reicht. Ein perfekter Song, dachte sich Anfang 2008 ein Wahlkampfstratege des designierten republikanischen Präsidentschaftskandidaten John McCain.

«Pink Houses» schien ihm passend als musikalische Begleitung für Wahlkampfveranstaltungen McCains. Doch das erwies sich dann aus zweierlei Gründen als problematisch. Denn erstens ist Mellencamp erklärter Demokrat, hatte somit kein Interesse daran, McCain zu unterstützen, und untersagte die weitere Verwendung des Lieds. Und zweitens, mindestens ebenso wichtig, ist «Pink Houses» ein beißender Song über verpasste Chancen: «"Cause they told me when I was younger, said, "Boy, you gonna be president." But just like everything else, those old crazy dreams just kind of came and went.» Für jemanden, der in Weiße Haus einziehen wil, ist das aber wohl kaum die richtige Botschaft.

Die vergängliche Verbindung von Popmusik und Politik hat sich damit nicht zum ersten Mal als wahres Minenfeld erwiesen, und McCain war keineswegs ihr erstes Opfer. Ronald Reagan etwa bewies mit Bruce Springsteens «Born in the USA» ebenfalls kein glückliches Händchen. Dass es sich dabei keineswegs um ein patriotisches Triumphlied handelt, war seinem Wahlkampfteam einfach nicht aufgefallen.

Befragung von Fachleuten wäre sinnvoll

Dennoch erliegen Republikaner wie Demokraten immer wieder der Versuchung, mit Hilfe bekannter Popsongs Stimmungen und Botschaften zu transportieren und zu zeigen, dass ihre Kandidaten für die Unterhaltungsindustrie ähnliche Begeisterung zeigen wie die gewöhnlichen Landsleute. «Das Interessante an Wahlkampfliedern: Sie spiegeln das Leben in Amerika. Es ist, als ob wir Schnappschüsse machen», sagt Oscar Brand, ein 88-jähriger Folk-Musiker und Radiomoderator, der ein ganzes Album mit Wahlkampfmusik aus der Zeit von George Washington bis Bill Clinton aufnahm.

Brand konzentrierte sich allerdings auf Titel, die ausdrücklich für die Kandidaten geschrieben worden waren, wie es etwa bis zur Zeit von John F. Kennedy der Fall war. Heute gilt dies als nicht mehr zeitgemäß. Dennoch wäre es vielleicht sinnvoll, von Fachleuten eine Einschätzung über ausgewählte Songs einzuholen. Die hätten George Bush dann vielleicht 1988 vom Einsatz von Bobby McFerrins ironischem «Don"t Worry, Be Happy» abgeraten. Das Lied zur Wiederwahl seines Sohns George W. Bush, «Still The One», klingt nett, bis die Zeile «Sometimes I never want to see you again» kommt. Dasselbe gilt für eines der Lieder, die der designierte demokratische Bewerber Barack Obama 2008 auswählte: U2s «City Of Blinding Lights». Darin heißt es: «The more you see the less you know, the less you find out as you go.»

Manchmal werden die Songs auch nur angespielt, um eine Stimmung zu übermitteln, keine komplette Botschaft. Hillary Clinton nutzte Teile von Tom Pettys «American Girl» und Mellencamps «Small Town», ihr Ehemann Bill kam in der Nähe von Pittsburgh zu den Klängen von Polices «Every Little Thing She Does Is Magic» auf die Bühne, um für seine Frau zu werben. Der Rest des Textes interessierte nicht.

«Einige funktionieren, andere nicht»

Missgriffe sind verständlich. Die Kandidaten und ihr Wahlkampfteam haben in einer Welt den Überblick verloren, in der Remixe, Samples und Playlists den Ton angeben und Zusammenhänge oft fehlen. «Diese Lieder sind ein schneller und einfacher Ersatz, um eine Verbindung zwischen Kandidaten und Wählern herzustellen», sagt der Geschichtswissenschaftler und Musikexperte Sean Wilentz. «Diese Musik ist überall. Und wer den richtigen Song wählen kann, der ein bisschen von seiner Botschaft und ein bisschen von seinem Wesen einfangen kann, der wird das tun.»

Das Schlüsselwort ist «Wesen» - insbesondere das Wesen der Arbeiterschaft, um deren Gunst besonders heftig geworben wird. Das funktioniert ähnlich wie bei einer Bierwerbung. Es flüstert dem Wähler ein: «Hey, du hast Lebenserfahrung gesammelt, während du dieses Lied gehört hast, und ich bringe mich damit in Verbindung, also verstehe ich auch deine Alltagsprobleme, richtig?» Doch geht die gemeinsame Grundlage zunehmend verloren. «Das gute alte Modell des 20. Jahrhunderts, wonach sich jeder aus demselben kulturellen Trog ernährt, funktioniert 2008 nicht mehr», sagt Robert Thompson, Direktor des Bleier-Zentrums für Fernsehen und Popkultur an der Syracuse-Universität. «Heute holt man Songs hervor, wenn man sie braucht. Einige funktionieren, andere nicht, und man bewegt sich weiter.»

«Vielleicht die einzigen, die sich nicht beschwerten»

Nicht immer klappt das. Tom Scholz von der Band Boston wehrte sich dagegen, dass der später ausgeschiedene republikanische Kandidat Mike Huckabee den Hit «More Than A Feeling» für sich vereinnahmte. Scholz forderte ein Unterlassungserklärung. «Huckabee war das extreme Gegenteil von allem, wofür ich stand oder woran ich glaubte», sagt Scholz. Ähnliches gilt für «Take A Chance On Me», das McCains Team verwenden wollte. «Wir spielten es ein paarmal, und so viel ich weiß, drehten sie durch», sagt McCain. Besser schien es mit dem Titelsong des Films «Rocky» zu laufen. Der Chef des Filmstudios MGM ist Anhänger McCains und gab seine Zustimmung - er besaß allerdings die Rechte nicht. «Und die Leute, an die sie sie verkauft hatten, sagten "ERRRK!", erzählt McCain.

Sein Wahlkampfteam stieg dann auf «Johnny B. Goode» um - ein jahrzehntealter Rock"n"Roll-Klassiker von Chuck Berry, der von vielen verschiedenen Musikern gecovert wurde. Er klingt dynamisch, und der Refrain «Go, Johnny, go» passt perfekt. Dass die Wahl auf den Titel fiel, hat allerdings auch viel mit Pragmatismus zu tun: «Vielleicht waren die die einzigen, die sich bei uns nicht beschwert haben», scherzt McCain.






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