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31. Juli 2008
Eine Burg als Wiege der deutschen Liedermacher


Frankfurt - «Diese Waldeck "64 war für mich der Beginn» sagt Reinhard Mey über das erste Chanson- und Folklorefestival auf der Burg im Hunsrück. Ins Leben gerufen wurde es von jungen Studenten, die andere Musik in deutscher Sprache wollten als Schlager und vom Nationalsozialismus infiziertes Liedgut, wie es an den Lagerfeuern der Jugendgruppen damals durchaus noch gesungen wurde. Die sechs Festivals bis 1969 wurden zur Wiege deutschsprachiger Musik jenseits von Schlager und kommerzieller Volksmusik. Sie ebneten Deutschrocker Udo Lindenberg und den heutigen Deutsch-Rappern den Weg.

Auf den ersten deutschen Open-Air-Festivals bis 1969 kamen Leute wie Franz-Josef Degenhardt, Mey, Dieter Süverkrüp, Hannes Wader, Walter Moßmann mit internationalen Chanson- und Folkstars wie Phil Ochs, Odetta und dem Schnuckenack Reinhardt Quintett zusammen. Mitorganisator Dieter Krebs begrüßte Pfingsten 1964 die 400 ersten Festivalbesucher mit den Worten, man wolle gerne herausfinden, welche Möglichkeiten das Chanson in Deutschland haben könnte. Die Waldeck solle einem überschaubaren, individuell ausgeprägten und Antwort gebendem Publikum und dieser Musik einen Treffpunkt und eine Heimat geben.

Zusammengetragen hat die Festivalgeschichte nun Michael Kleff in einem Projekt der Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck und der «tageszeitung»: «Die Burg Waldeck Festivals 1964-1969» ist eine musikalische Dokumentation auf zehn CDs mit einem 240-seitigen Begleitbuch, erschienen bei Bear Family Records.

«Initialzündung für viele Ereignisse»

Gemessen an heutigen Besucherzahlen waren die Waldeck-Festivals kleine Veranstaltungen. Das Interesse der Medien und die Mundpropaganda der Festivalbesucher sorgten aber für einen enormen Bekanntheitsgrad. «Waldeck bedeutete die entscheidende Wende, den Durchbruch als Künstler und Liedermacher», erinnert sich Wader. Die im Begleitbuch zusammengetragenen Beiträge von Teilnehmern und Besuchern versetzen den Leser in die Zeit und ihren Geist zurück, so manches Lied sagt als musikalische Flaschenpost aus jenen Tagen mehr als eine hochwissenschaftliche Abhandlung über die 68er: weil es authentisch Gefühle und Gedanken auf sehr direkte Art überträgt.

«Was auf der Waldeck passierte, war eine Art Initialzündung für viele Ereignisse, die nach 1968 folgten», schreibt Wader. «Wir als Liedermacher bestimmten die Entwicklung damals in gewisser Weise eine Zeit lang mit. Auch wenn wir keine Pop- und Schlagerstars waren, zeigten wir doch eine enorme Präsenz in den Medien.» Seine Karriere betrachtet Wader deshalb als eine Art historischen Glücksfall: «Viele von uns verdanken ihr (der Waldeck) im Grunde genommen alles.»

«Normalbürgerlicher» Unterhaltungsindustrie aufgeholfen

Süverkrüp beschreibt die «gesellschaftlichen Folgen» der Festivals ironischer: «Zum Beispiel, dass der Beruf des "Liedermachers" so nachhaltig durchgesetzt wurde, dass er schon bald in amtlichen Dokumenten Verwendung finden konnte. Zweifellos hat Waldeck der allgemeinen normalbürgerlichen Unterhaltungsindustrie wirkungsvoll aufgeholfen; es wurden wieder Probleme aufgegriffen, wenn sie nicht allzu heiß waren; es konnten wieder Geschichten gesungen werden, die vorne anfingen und hinten aufhörten; der in diesem Genre bislang übliche musikalische Schnulzen-Zucker kam flugs aus der Mode, später wurde er durch Süßstoff ersetzt...»

1968 erreichte die politische Radikalisierung der Nachkriegsjugend die Waldeck. Legendär wurde die Forderung «Stellt die Gitarre in die Ecke und diskutiert», völlig humorlos und damit der typisch deutscheste Beitrag zur 68er Bewegung. Der Kabarettist Hanns Dieter Hüsch musste in einer Art Tribunal sein Programm verteidigen, seine politische Linie erklären. «Er hat sich das erstaunlicherweise gefallen lassen», erinnert sich Walter Moßmann. «Ich hätte schon längst mit Lehm geschmissen.» Er habe damals nicht begriffen, wie sehr diese Erfahrung Hüsch verletzt und auch beängstigt habe.

«Diese verdammte Revolution»

Der Engländer Colin Wilkie beschreibt den Höhepunkt der Entfremdung zwischen Künstler und einem politisch radikalen Publikum so: «Während eines Workshops von Guy und Candie Carawan stand so eine blöde Kuh auf, und als die beiden "We Shall Overcome» sangen, schrie sie mit einer krebsroten Birne geifernd: "Wir wollen keine Emotionen!" ... Man wollte den populären Satiriker und Liedermacher Hanns Dieter Hüsch angehen. Ich krallte mir eines dieser Schweine und brüllte ihn an: "Du Saftarsch, Hanns Dieter Hüsch ist einer von uns, einer von euch, gegen die Etablierten, und dagegen gehst du an? Du solltest besser was gegen Freddy und sein "Hundert Mann und ein Befehl"-Zeugs tun." Ich bin einfach explodiert: "Diese verdammte Revolution."»

Auch Moßmann distanzierte sich: «Für mich bedeutet der "Chiffre "68" eine Revolte mit sehr viel Musik und sehr viel Tanz.» Soundtrack der Revolte seien nicht die Töne der deutschen Liedermacher, sondern die Stones, Janis Joplin, Jimi Hendrix - es sei um die «Entfesselung der Gitarre, nicht ihre Verbannung» - gegangen. In seinen Erinnerungen «Realistisch sein: Das unmögliche Verlangen. Wahrheitsgetreu gefälschte Erinnerungen» verweist er auf den großen Erfolg der Blödeltruppe Insterburg & Co nach der «absurden Diskussion» zum Abschluss des 68er-Festivals. «Was lernt uns das? Achtundsechzig ist relativ.»








 
 



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