Anfang September soll die Entscheidung darüber fallen, wer künftig die alljährlichen Richard-Wagner-Festspiele in Bayreuth leiten soll. Die Voraussetzung dafür will Wolfgang Wagner, seit 57 Jahren Herr des Grünen Hügels, mit seinem Rücktritt zum 31. August schaffen. Einen Tag nach dem 89. Geburtstag des Komponisten-Enkels soll dann der Weg endlich frei werden für den Stiftungsrat der Festspiele, die seit Jahren öffentlichkeitswirksam umstrittene Nachfolgefrage personell zu klären.
Wer die Festspiele seit dem 25. Juli vor Ort beobachtet, kann eigentlich überhaupt keinen Zweifel hegen, wer künftig die Position des über alle Maßen verdienten Wolfgang Wagner einnehmen wird - nämlich seine 30-jährige Tochter Katharina. Sie entstammt der zweiten Ehe Wolfgangs mit der im November 2007 überraschend verstorbenen Gudrun Wagner. Denn abgesehen von der spektakulären Neuinszenierung von «Parsifal», die ein allseits positives Echo bei Publikum und Kritik gefunden hat, finden dieses Jahr in massiver, manchmal schon aufdringlicher Weise die Bewerbungs-Festspiele der Katharina Wagner statt: Die dynamische blonde Jungregisseurin mit der dunklen Stimme ist im und rund um den Festspielbetrieb allgegenwärtig.
Ob Katharina Wagner beim Staatsempfang nach der Eröffnung selbst ihren abwesenden Vater würdigt, ob sie faktisch in dessen Vertretung die Festspiele leitet, repräsentiert und statt des vom Alter gebeugten Mitbegründers von Neu-Bayreuth die Interviews gibt; ob sie sich nach dem ersten Public Viewing in der Geschichte der Festspiele - nicht zufällig mit ihrer eigenen Inszenierung von «Die Meistersinger von Nürnberg» - von Tausenden dankbaren Zuschauern auf dem Bayreuther Volksfestplatz unter dem populären Motto «Wagner für alle!» feiern lässt oder oder ob verkündet wird, sie werde 2015 die Regie für die dann fällige Neuinszenierung von «Tristan und Isolde» übernehmen - Wolfgangs Wunschmaid beherrscht eindeutig die Szene vor Ort und in den Medien.
Damit aber wird die Nachfolgeregelung immer problematischer, ja fast schon zur Farce, die nach einer völlig unerwarteten Wendung im April von einer Mehrheit im Stiftungsrat favorisiert wird: Nämlich die gemeinsame Leitung der Festspiele von Katharina Wagner - und Eva Wagner-Pasquier, Wolfgangs inzwischen 63-jährige Tochter aus erster Ehe. Die über viele Jahre vom greisen Vater verstoßene Eva ist in Bayreuth bislang überhaupt nicht präsent. Das ließe sich mit ihrer Tätigkeit als Leiterin des Sommerfestivals im südfranzösischen Aix-en-Provence noch halbwegs erklären.
Stiftungsrat muss Konfliktlösung formulieren
Doch Eva Wagner-Pasquier wird auch dort sehr genau registrieren, wie ihr Vater und ihre halb so alte Stiefschwester ein um die andere Tatsache schaffen, die Eva eigene wesentliche Akzentsetzungen im geplanten künftigen Leitungsduo für lange Jahre so gut wie unmöglich machen. Schon die im Frühjahr erfolgte Gründung einer «Bayreuther Festspiele Medien GmbH» mit gemeinsamer Geschäftsführung von Wolfgang und Katharina Wagner hatte unmissverständlich den Machtanspruch der beiden signalisiert. Künstlerverträge, insbesondere für Regisseure, sind bis 2015 weitgehend festgeklopft. Und niemand würde sich wundern, wenn noch vor dem Rücktritt Wolfgangs bekanntgegeben würde, wer den neuen «Ring» 2013 zum 200. Geburtstag Richard Wagners inszeniert.
Niemand weiß besser als dessen Enkel Wolfgang, wie recht der Riese Fasolt hat, wenn er in «Das Rheingold» Wotan mahnt: «Was du bist, bist du nur durch Verträge». Der alte Fuchs, der sich einst einen Vertrag als Festspielleiter auf Lebenszeit ertrotzte, hat gemeinsam mit Katharina so viele vertragliche Fakten geschaffen, dass Eva - oder wer auch immer sonst noch für die Nachfolge infrage kommen könnte - auf etliche Jahre faktisch «eingemauert» ist. Es ist eigentlich unvorstellbar, dass die beruflich renommierte, erfahrene Opernmanagerin eine solche Statistenrolle akzeptieren wird.
Konflikte zwischen den Halbschwestern sind also trotz aller gegenteiliger Bekundungen programmiert. Die heikelste Aufgabe des Stiftungsrates wird es sein, Vereinbarungen zu treffen, wie solche Konflikte ohne offene Machtkämpfe gelöst werden könnten. Wer sich in der Familiengeschichte der weit verzweigten Nachkommenschaft Richard Wagners auskennt, wird nur zu gut wissen: Die Quadratur des Kreises ist auch nicht viel schwieriger.
