Erstmals in der Geschichte der Vereinigten Staaten tritt ein schwarzer Politiker bei einer Präsidentenwahl an: Auf ihrem Nominierungsparteitag in Denver vollzogen die Demokraten am Mittwoch per Akklamation den historischen Schritt und machten Barack Obama offiziell zu ihrem Präsidentschaftskandidaten. Der Parteitag geht in der Nacht zum Freitag (MESZ) mit einer Grundsatzrede des Senators aus Illinois zu Ende, in der er die Nominierung offiziell annehmen wird.
Obama bemühte sich bereits kurz nach der Abstimmung darum, die im langen Vorwahlduell mit Hillary Clinton zerrissene Partei zu einen und lobte die einstige Rivalin, ihren Mann Bill Clinton und seine Frau Michelle für deren Parteitagsauftritte in den vergangenen Tagen. «Falls ich mich nicht irre, hat Hillary Clinton gestern hier den Saal zum kochen gebracht», rief Obama aus. Sein erster Parteitagsauftritt schien spontan, angekündigt war er nicht.
Obama kam nach einer mitreißenden Rede seines Vizepräsidentschaftskandidaten Joe Biden auf die Bühne. Biden pries Obama und griff scharf den designierten republikanischen Präsidentschaftskandidaten John McCain an. Er nannte McCain aber dennoch auch einen Freund, «dessen persönlicher Mut und dessen Heldentum mich immer noch in Erstaunen versetzen».
Mit seiner Grundsatzrede in einem Stadion in Denver wird Obama die heiße Phase des Wahlkampfs eröffnen - zehn Wochen vor der Wahl am 4. November. Die Rede fällt zusammen mit dem 45. Jahrestag der berühmten «I have a dream»-Rede des schwarzen Bürgerrechtlers Martin Luther King. Zu dem Auftritt Obamas werden 75.000 Menschen erwartet. Obama werde über die heutigen Probleme der Amerikaner sprechen, von der Gesundheitsvorsorge über Bildung bis hin zu internationalen Bedrohungen, sagte sein Wahlkampfmanager David Plouffe.
Bill Clinton ruft zur Unterstützung Obamas auf
Die Abstimmung über den Präsidentschaftskandidaten erfolgte nach Einzelstaaten. Dabei zeichnete sich die erwartete klare Mehrheit für Obama ab. Als New York an der Reihe war, beantragte Senatorin Clinton, die weitere Wahl abzubrechen und Obama per Akklamation zum Kandidaten zu bestimmen. Die Menge feierte die Entscheidung mit dem Sprechchor «Yes we can» - dem Zuversicht verbreitenden Motto Obamas seit Beginn des Wahlkampfs im Januar.
Einen Tag nach seiner Frau Hillary schwor auch Expräsident Bill Clinton die eigenen Anhänger auf die Wahl von Obama ein. Dieser habe «eine bemerkenswerte Fähigkeit, die Menschen zu inspirieren», sagte Clinton. «Meine Kandidatin hat am Ende nicht gewonnen», sagte er mit Bezug auf den Vorwahlkampf. Jetzt wolle er aber, dass sich jeder der 18 Millionen Wähler von Hillary Clinton im Herbst für Obama entscheide.
Der Expräsident wies die Warnungen führender Republikaner zurück, dass der 47-jährige Obama zu unerfahren sei, um Oberbefehlshaber der Vereinigten Staaten zu werden. Dies sei vor seiner Wahl zum US-Präsidenten auch über ihn gesagt worden, erklärte Clinton und fügte hinzu: «Es hat 1992 nicht funktioniert, weil wir auf der richtigen Seite der Geschichte waren. Und es funktioniert 2008 nicht, weil Barack Obama auf der richtigen Seite der Geschichte steht.»
Obama und McCain in Umfragen fast gleichauf
In den Umfragen hatte die Entscheidung Obamas für Biden keine sichtbaren Auswirkungen auf die Wählerpräferenzen. Nach einer Erhebung des Instituts Gallup vom Sonntag liegt Obama bei 45 und der republikanische Kandidat McCain bei 44 Prozent. McCain hat seine Entscheidung für seinen Vizepräsidentschaftskandidaten noch nicht bekanntgegeben.
Der Parteitag in Denver begann am Montag mit einer emotionalen Rede von Michelle Obama, die ihren Mann als patriotischen Familienvater darstellte. Am Dienstag rief Hillary Clinton die Partei auf, sich geschlossen hinter Obama zu stellen. Ihr Name erschien am Mittwoch noch auf den Stimmzetteln, was aber nur noch als symbolischer Akt galt, als Referenz an die von ihr bei den Vorwahlen gesammelten 18 Millionen Stimmen.
