Die zwei am Freitag auf dem Kölner Flughafen festgenommenen Terrorverdächtigen haben beide einen Bezug zu Somalia: Einer ist Somalier, der zweite ein in Mogadischu geborener Bundesbürger. Bereits seit den 90er Jahren gibt es Terrorverbindungen in das ostafrikanische Land, das sich seit 17 Jahren im Bürgerkrieg befindet und seither als Staat eigentlich gar nicht mehr existiert. Die ersten Terroranschläge der Al Kaida wurden von hier aus verübt, und seit einiger Zeit strömen zunehmend Dschihadisten in das Land, das die Geheimdienste als Rückzugsraum Al Kaidas sehen.
1998 schlug Al Kaida zum ersten Mal zu: Am 7. August explodierten nahezu zeitgleich vor den US-Botschaften in Kenia und Tansania mit Sprengstoff beladene Lastwagen. 2002 gab es einen Anschlag auf eine Hotelanlage bei Mombasa in Kenia. Alle diese Anschläge seien von Somalia aus geführt worden, sagt die Afrika-Expertin Annette Weber von der Stiftung Wissenschaft und Politik. Verantwortlich sei die Al-Kaida-Zelle «Al Kaida East Africa».
Seit einigen Jahren befürchten Experten, dass das Land mit mehr als 99,8 Prozent muslimischer Bevölkerung zu einer Art afrikanischem Afghanistan wird. In den letzten Jahren sind laut Weber sehr viele Waffen ins Land gekommen, jetzt strömen vermehrt ausländische Islamisten - auch aus Afghanistan - ein, die für den Heiligen Krieg und vor allem gegen die Präsenz der US-Amerikaner kämpfen wollen.
Laut dem Terrorismus-Experten Rolf Tophoven gilt bei den Geheimdiensten der ganze ostafrikanische Raum als bevorzugter Rückzugsraum für Al Kaida: Dort gebe es keine staatliche Autorität und «riesige Räume ohne staatliche Kontrolle». Weber glaubt allerdings, dass gerade die Abwesenheit jeglicher staatlicher Institutionen bisher verhindert hat, dass Somalia zu einem zweiten Afghanistan wurde.
Clankämpfe und Warlords bestimmen das Land
Seit 1991 gibt es laut Weber nur noch das Land Somalia, aber nicht mehr den Staat Somalia. Bis dahin war das von Clans bestimmte Land eine Präsidialrepublik unter Militärmachthaber Siad Barre, der schließlich von einer Koalition seiner Gegner namens Vereinigter Somalischer Kongress (USC) gestürzt wurde. Danach führten heftige Grabenkämpfe zwischen den einzelnen Gruppen und Clans zum Zusammenbruch jeder staatlichen Ordnung. Bislang sind alle Versuche gescheitert, Frieden nach Somalia zu bringen und staatliche Strukturen aufzubauen.
«Wir haben den einzigartigen Fall, dass das Land seither ohne Staat ist - keine Regierung hat es geschafft, sich zu etablieren», sagt Weber. Die meiste Zeit werde das Land von Warlords regiert, die ihr Geld aus Überfällen an Straßen holten. Es gebe nicht nur keine Regierung, sondern auch ansonsten nichts, was einen Staat ausmache: Keine formale Ökonomie, keine Justiz, keine Polizei, keine Steuern. Eine Militärintervention einer US-geführten Staatenallianz scheiterte ebenso wie die anschließende UN-Friedensmission.
Eskalation nach Einmarsch Äthiopiens
Von Juni bis Dezember 2006 herrschte in dem Land dann eine «relative Stabilität», wie Weber erklärt: In dieser Zeit übernahmen elf verschiedene islamische Gerichtshöfe die Macht, die auch als lokale Autoritäten fungierten und die Vormachtstellung der Warlords brachen.
Allerdings gewannen dort recht schnell ehemalige islamistische Radikale die Oberhand, was in der somalischen Bevölkerung, die überwiegend einem gemäßigten «Volksislam» anhängt, negative Reaktionen hervorrief, wie Weber erklärt. Im Dezember 2006 marschierten äthiopische Truppen nach Somalia ein, um die Gerichtshöfe zu vertreiben und auch, um die Verbindungen zu Al Kaida zu zerstören. «Seither ist der Bürgerkrieg voll ausgebrochen», sagt Somalia-Expertin Weber.
Jetzt führt die Miliz Al Shabab, die als bewaffneter Arm des Rates der Islamischen Gerichte gilt, einen Untergrundkrieg gegen die Übergangsregierung von Somalia. Die USA haben insgesamt vier mal von Dschibuti aus Raketen nach Somalia abgefeuert, um Al-Kaida-Ziele zu treffen. Dennoch kommen immer mehr ausländische Dschihadisten ins Land. Laut Weber handelt es sich bei den laufenden Kämpfen aber mehr um Bürgerkriegskämpfe als um terroristische Angriffe.
