Frankfurt - Als Viagra im Oktober 1998 auf den deutschen Markt kam, waren die Befürchtungen groß. Skeptiker beschworen die Gefahr von grassierendem «Hauruck-Sex» oder einer mechanisierten körperlichen Liebe. «Damals hörten viele schon das Todesglöckchen der Erotik läuten», erinnert sich Uwe Hartmann von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). «Die Horrorvisionen haben sich nicht bestätigt», sagt der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Sexualmedizin und Sexualtherapie.
Rückblickend ziehen Mediziner ebenso wie Psychologen und Sozialwissenschaftler eine insgesamt positive Bilanz - und verweisen auf die Situation vor Einführung des Mittels. Damals gab es für Männer mit Erektionsstörungen, immerhin schätzungsweise acht Prozent der männlichen Bundesbürger, wenig Hoffnung.
Manche griffen in ihrer Verzweiflung auf abenteuerliche Apparaturen zurück. Aber das Hantieren mit einer Vakuumpumpe oder die Injektion eines Potenzmittels in den Schwellkörper sind der intimen Stimmung vor dem Sex nicht gerade zuträglich. «Das war für viele Männer eine grauenvolle Qual», sagt Jakob Pastötter von der Deutschen Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualforschung. «Denen erschien Viagra wie vom Himmel gesandt.»
Im Gegensatz zu früheren Hilfsmitteln führen die sogenannten PDE-5-Hemmer - neben Viagra auch die Folgepräparate Cialis und Levitra - nicht zwangsläufig zu einer Erektion, sondern nur bei einer Stimulierung. Dann wird im Schwellkörper der Botenstoff cGMP freigesetzt, der für eine Erektion unabdingbar ist. Viagra und ähnliche Präparate hemmen das Enzym PDE-5, das diesen Botenstoff abbaut, und halten ihn dadurch über dem für eine Erektion erforderlichen Schwellenwert.
Aber Viagra revolutionierte nicht nur die Therapie der erektilen Dysfunktion, sondern das Mittel löste auch das gesellschaftliche Tabu um das bis dahin meist verschämt verschwiegene Thema. «Es ist heute einfacher, über Erektionsstörungen zu reden», sagt Hartmann. «Mehr Menschen wissen, dass sie sich mit dem Problem nicht abfinden müssen, und suchen professionelle Hilfe.»
«Unsicherheit ist der größte Lustkiller»
Zwar können sowohl psychische Faktoren als auch organische Ursachen wie etwa Diabetes, Bluthochdruck oder Nebenwirkungen mancher Medikamente die Potenz lähmen. Aber in der Praxis lässt sich beides meist kaum klar voneinander trennen. «Es ist fast immer eine Mischung», sagt Hartmann. Habe ein Mann mehrmals hintereinander einen Durchhänger, werde jede sexuelle Begegnung zur Zitterpartie. Im schlimmsten Fall führt die ständige Versagensangst dazu, dass er solche Situationen ganz meidet. «Unsicherheit ist der größte Lustkiller», weiß Hartmann.
Die PDE-5-Hemmer wirken dem Sexualtherapeuten zufolge weitgehend unabhängig von der Ursache. «Man kann damit einer breiten Palette von Patienten helfen», sagt er. Dabei sei der Rückgriff auf die Pille keineswegs bei allen Betroffenen dauerhaft erforderlich. Gerade wenn Versagensängste den Sex lähmten, helfe mitunter eine zeitweilige «Viagra-Kur»: «Die nehmen eine Zeit lang die Tablette, um mal wieder eine positive Erfahrung zu machen, damit nicht immer die Angst im Vordergrund steht», erläutert Hartmann. «Ein Teil von ihnen erlangt dann wieder eine normale Erektionsfähigkeit.» Davon profitiere oft auch die Partnerin. «Die Therapie wirkt sich auf viele Paare positiv aus», sagt der Psychologe.
Dennoch: Allheilmittel sind die Präparate nicht. Steckt hinter dem Problem eine gestörte Partnerschaft, bleibt auch die Potenzpille machtlos. «Dann ist Viagra ohne begleitende Therapie sogar eher kontraproduktiv, weil die Ursache des Problems nicht behoben wird», sagt Pastötter. Dies gelte besonders dann, wenn die Spannung auf unausgesprochenen Konflikten basiere, etwa unterschiedlichen Vorstellungen hinsichtlich eines Kinderwunschs.
Internet-Schwarzmarkt: «Das ist russisches Roulette»
Als ärgerlich empfinden die Experten die hohen Kosten der Präparate: «Das ist für viele Patienten ein Riesenproblem», sagt Hartmann. Und Pastötter findet es ungerecht, dass hier «andere Maßstäbe angelegt werden als bei anderen Medikamenten». Gleichzeitig warnen beide eindringlich davor, angesichts der hohen Preise auf den Schwarzmarkt per Internet auszuweichen. «Man weiß nicht, was drin ist», betont Pastötter. «Das ist russisches Roulette.»
Generell rät Hartmann bei sexuellen Störungen, nicht die Augen vor dem Problem zu verschließen: «Wenn es ein paar Monate lang nicht klappt, besteht Handlungsbedarf.» Wichtig sei zuerst das Gespräch mit der Partnerin. Hilft das nicht, solle man sich zunächst von einem Arzt organisch durchchecken lassen. Ist der Körper in Ordnung, rät der Experte dazu, das Gespräch mit einem Sexualtherapeuten oder einem entsprechend ausgebildeten Urologen zu suchen: «Man muss die Initiative ergreifen, das ist wichtig.»