Mit dem bislang größten Bankenzusammenbruch in der Geschichte der USA hat die Finanzkrise einen dramatischen Höhepunkt erreicht. Wegen akuter Zahlungsunfähigkeit ging die größte amerikanische Sparkasse Washington Mutual für 1,9 Milliarden Dollar in weiten Teilen an JPMorgan Chase.
Die 1889 gegründete Bank hat Vermögenswerte von 307 Milliarden Dollar. Ihr Zusammenbruch übersteigt damit den der Continental Illinois National Bank mit 40 Milliarden Dollar von 1984 ebenso wie den von IndyMac mit 32 Milliarden Dollar im Juli. Die Börsen reagierten mit Verlusten.
Die staatliche Bundeseinlagensicherung (FDIC) übernahm Washington Mutual und verkaufte sie an JPMorgan. Die Auffanglösung bewahrt die Einlagensicherung davor, dass ihr Fonds drastisch reduziert wird.
Bei WaMu waren mit gescheiterten Hypothekenkrediten in jüngster Zeit Milliardenverluste entstanden. Die Bank war deshalb von Rating-Agenturen zuletzt heruntergestuft worden. Für die Spareinlagen bei der Washington Mutual gebe es keine Gefahr. Auch sollten die Filialen am Freitag wie gewohnt geöffnet werden, hieß es.
JPMorgan schreitet erneut zur Tat
JPMorgan muss etwa 31 Milliarden Dollar an ausstehenden Kreditforderungen der WaMu abschreiben, weil die Schuldner nicht mehr zahlungsfähig sind. Dieser Wert könnte sich allerdings noch verringern, falls der Rettungsplan der Regierung mit geplanten Mitteln von 700 Milliarden Dollar verabschiedet wird und JPMorgan davon Gebrauch macht.
WaMu ist bereits das zweite Finanzinstitut, das JPMorgan Chase in diesem Jahr kauft. Im März hatte das Unternehmen bereits die Investmentbank Bear Stearns für 1,4 Milliarden Dollar übernommen. Zur Stärkung der eigenen Position kündigte JPMorgan eine Kapitalerhöhung von acht Milliarden Dollar an.
JPMorgan Chase ist nun die zweitgrößte Bank in den USA nach der Bank of America, die kürzlich Merrill Lynch übernommen hat. Der Zusammenbruch der WaMu kam nicht unerwartet, da sich die Sparkasse in großem Rahmen im Immobiliengeschäft engagiert hat, dessen Krise die Turbulenzen im Finanzsystem ausgelöst hat. WaMu «stand unter schwerem Liquiditätsdruck», sagte FDIC-Vorsitzende Sheila Bair.
Die Investoren der WaMu stehen aufgrund der Übernahme durch die FDIC jetzt jedoch mit leeren Händen da. Zu ihnen gehört auch die Private-Equity-Firma TPG Capital, die der Sparkasse noch im Frühjahr mit einer Kapitalspritze von sieben Milliarden Dollar zur Seite stand. Erst danach zeichnete sich der Zusammenbruch im einst boomenden Geschäft mit «Subprime-Krediten» ab - das sind Hypotheken an Hauseigentümer ohne die sonst üblichen Sicherheiten.
Kreditnehmer mit niedrigen Einstiegszinsen gelockt
Die WaMu hatte Kreditnehmer gezielt mit Angeboten gelockt, bei denen die Zinsbelastung am Anfang attraktiv niedrig war und erst später erhöht wurde. Diese Kredite mit der Bezeichnung «Option Adjustable-Rate Mortgage» (Option ARM) wurden erst im Juni eingestellt. Im Juli wies WaMu dann schon einen Quartalsverlust von drei Milliarden Dollar aus. Der Aktienkurs von WaMu hatte in diesem Jahr 87 Prozent an Wert verloren.
Der Deutsche Sparkassen- und Giroverband betonte, dass der börsennotierte US-Konzern zu Unrecht «Sparkasse» genannt wird. Das Geldhaus sei keinesfalls mit hiesigen Sparkassen zu vergleichen, erklärte Verbandspräsident Heinrich Haasis. Kein Anleger in Deutschland müsse sich Sorgen um Einlagen bei seiner Sparkasse machen.
Im vorbörslichen Handel zeichnete sich an der Wall Street schwächere Kurse ab. Der Deutsche Aktienindex hielt sich mit einem Minus von rund 2,6 Prozent zunächst knapp über der 6.000-Punkte-Grenze. Unterdessen stellte die Europäische Zentralbank (EZB) eine weitere Liquiditätsspritze für den ausgetrockneten Dollar-Geldmarkt bereit: Es handelt sich um 35 Milliarden Dollar mit einwöchiger Laufzeit, wie die EZB mitteilte. Mit dem Geld will sie die Situation auf dem Geldmarkt über das Quartalsende beruhigen.
