Trotz der zugespitzten Finanzmarktkrise will die Deutsche Bahn am 27. Oktober an die Börse gehen. Dies teilte der Konzern am Freitag in Berlin mit. Grüne und FDP kritisierten den Plan als unverantwortlich und warnten davor, Volkseigentum ohne Not unter Wert zu verscherbeln. Nach Einschätzung von Experten dürfte der Verkaufspreis wegen der schwachen Börsenkurse zurzeit höchstens rund fünf Milliarden Euro betragen. Im Frühjahr hatte die Regierung noch auf bis zu acht Milliarden Euro gehofft.
Bahnchef Hartmut Mehdorn erklärte aber: «Trotz der angespannten Situation an den internationalen Finanzmärkten gehen wir zuversichtlich in die heiße Phase des Börsengangs, denn aus unseren bisherigen Gesprächen mit Investoren haben wir eine Vielzahl erfreulicher Rückmeldungen erhalten.» Auch Regierungssprecher Thomas Steg sagte, aus Sicht der Bundesregierung gebe es keinen Grund, vom Zeitplan abzuweichen.
Geplant ist, 24,9 Prozent am Personenverkehr, Güterverkehr sowie der Logistiksparte zu verkaufen. Für diesen Konzernbereich mit dem Namen DB Mobility Logistics AG arbeiten rund 170.000 der 240.000 Mitarbeiter; er erwirtschaftet mit knapp 30 Milliarden Euro den weit überwiegenden Umsatz der Bahn. Die Schienen und Bahnhöfe bleiben zu 100 Prozent Bundeseigentum.
Der FDP-Verkehrsexperte Horst Friedrich schlug Alarm und erklärte, es sei jetzt in jeder Hinsicht der falsche Zeitpunkt für den Börsengang. Die Finanzmärkte seien paralysiert, zudem schwebten über der Bahn zahlreiche ungeklärte Risiken. «All das führt zu dramatischen Bewertungsabschlägen.»
Friedrich wies darauf hin, dass die Bahn ein wertvolles Vermögen sei, das mit dem Einsatz vieler hundert Milliarden Euro vom Steuerzahler geschaffen wurde. «Dieses Vermögen darf nicht einfach verscherbelt werden», forderte er. Wenn der Börsengang jetzt gegen alle Vernunft durchgezogen werde, gebe es nur zwei Gewinner, nämlich die Investment-Banken und das Bahnmanagement. «Beide bekommen Provisionen beziehungsweise Boni dafür, dass sie die Bahn zu Spottpreisen verkaufen», rechnete er vor.
Das Geld aus dem Verkauf soll zu je einem Drittel in den Bundeshaushalt, in das Eigenkapital der Bahn und in Investitionen für Schienennetz und Bahnhöfe fließen.
«Kein Verkauf um jeden Preis»
Auch der Grünen-Fraktionsvorsitzende Fritz Kuhn forderte: «Es darf keinen Verkauf um jeden Preis geben.» Seine Partei lehne zudem einen Verkauf von Anteilen an die russische Bahn oder andere strategische Investoren entschieden ab. «Die Bahn darf nicht zum Spielball von Medwedjew und Putin im Kräftemessen mit dem Westen werden», meinte Kuhn. Bundeskanzlerin Angela Merkel müsse Mehdorn nun stoppen.
Die zwölf Banken, die den Teilbörsengang begleiten, wollen nach einem Bericht der «Financial Times Deutschland» am Wochenende ihre Analysen vorlegen. Der Wert der Anteile werde auf 4,7 bis 5,3 Milliarden Euro taxiert. «Als problematisch kann sich aber der Discount erweisen», zitierte das Blatt einen Analysten. Dieser Abschlag für Großinvestoren betrage in stabilen Kapitalmarkt-Zeiten fünf bis zehn Prozent. Angesichts der Risiken drohe aber ein Abschlag von zehn bis 20 Prozent. Das würde Einnahmen in Höhe von nur vier bis 4,5 Milliarden Euro bedeuten.
