Mit einem Mausklick schaltet Enrico Wehner das Netz der Slowak Telekom mit dem einer Firma zusammen, die Internet-Telefonverbindungen nach Russland anbietet. Wo früher umständlich graue Kabel verlegt werden mussten, bestimmt der Service-Techniker einen Pfad durchs Netzwerk. Ein letzter Klick auf den Befehl «activate trail», und innerhalb von zehn Sekunden ist die Leitung geschaltet.
«Wir arbeiten hier mitten im Netzknoten», sagt Wehner, während er den «virtuellen meetme room» (vmmr) der Firma ancotel GmbH in Frankfurt am Main bedient. Obwohl außerhalb der Branche kaum bekannt, betreibt das Unternehmen mit mehr als 80 Mitarbeitern den größten Telekommunikationsnetzknoten Europas. «Wir sind zusammen mit New York, Los Angeles, London und Hongkong einer der fünf weltweit wichtigsten Knoten für Telefonnetze», erklärt Klaus-Jürgen Orth, Mitbegründer von Ancotel und einer der beiden geschäftsführenden Gesellschafter. «Wie früher die Dame vom Amt die Telefon-Teilnehmer zusammengestöpselt hat, so schalten wir internationale Netze zusammen.»
Große Telekommunikationsfirmen machen das auch selbst, vor allem, wenn es um die Schnittstellen zur Verbindung mit anderen Netzen im eigenen Land geht. Für die internationale Telefonie-Vernetzung bevorzugen viele aber einen neutralen Vermittler, der nicht selbst in der eigenen Branche tätig ist. «In Europa gibt es kein Land, das nicht mit seinen Telefongesellschaften bei uns angeschlossen ist», sagt Orth. «Wir sind ein neutraler Marktplatz. Es wird kein Kunde besser oder schlechter behandelt.»
Ancotel stellt ein Rechenzentrum zur Verfügung, in dem die Netzbetreiber ihre Geräte aufstellen. Von der Kunden-Hardware führt ein Kabel in einen «meetme room» (mmr). Dort werden die gewünschten Verbindungen über Glasfaser, Koaxial- oder Kupferkabel hergestellt. Alle werden einzeln nummeriert, inzwischen ist man bei mehr als 22.000 angekommen.
Klassische Telefonie mit VoIP verbunden
Der Trend geht aber zu virtuellen Leitungen, wie sie bei ancotel im «virtuellen meetme room» (vmmr) mit Hilfe einer Netzwerk-Management-Software geschaltet werden. Dabei bestellen die Kunden lediglich eine Leitung zur «Kleyer 90», wie das Rechenzentrum nach seiner Adresse kurz genannt wird. Dort wird die Leitung mit einem Port auf einer Platine verbunden, also mit einer Schnittstelle auf dem Gerät für den Netzknoten.
Ancotel hat zwei verschiedene Versionen dieser Geräte im Einsatz, der eine kann 384 Netzmodule der Stufe STM-1 (Synchronous Transport Module) mit einer Kapazität von jeweils 1.890 Sprachkanälen verbinden, bei der größeren Version sind es 768, also doppelt so viele. Diese besonders schnelle und flexible Technik zur Vernetzung praktiziert Ancotel auch in seinen Niederlassungen in London und Hongkong.
Einige Verbindungen bei ancotel führen verschiedene Welten der Telekommunikation zusammen. So gibt es ein VoIP-Gateway, das einen Festnetzbetreiber mit einem Anbieter von Internet-Telefonie verbindet. An der Umwandlung sind digitale Signalprozessoren (DSP) beteiligt, die dafür sorgen, dass die Sprachsignale aus dem klassischen Telefonnetz mit der Multiplex-Technik SDH (Synchronous Digital Hierarchy) komprimiert und dann in Datenpakete für die IP-Welt (Internet-Protokoll) umgewandelt werden.
Michael Böhlert, der Technik-Chef bei Ancotel, erwartet, dass solche Gateways in nicht allzu ferner Zukunft hinfällig werden, wenn die Telefonunternehmen trotz all ihrer hohen Investitionen in die klassischen Netze den bereits eingeleiteten Übergang zur IP-Technik abschließen werden. «Es ist daher für die Telefongesellschaften aus Kostengründen besser, sowohl bei der SDH-Technik als auch den VoIP-Gateways diese Systeme bei ancotel anzumieten, als sie für diesen Zeitraum selbst anzuschaffen», sagt Michael Böhlert.
Ort schätzt, dass die klassische Telefonie in vielleicht 10 bis 15 Jahren keine Rolle mehr spielen spird. «Wir müssen uns dann mitentwickeln in der Industrie beziehungsweise eine Vorreiterfunktion einnehmen.»
Frankfurt seit mehr als 100 Jahren ein Zentrum
Das hat für ancotel bislang gut funktioniert. Das 1999 für Dienstleistungsangebote wie Calling-Cards gegründete Unternehmen betreibt das als Kollokation bezeichnete Vernetzungsgeschäft für die «Carrier» seit 2002, damals übernahm ancotel nach Angaben Orths die Firma Colocation GmbH. Inzwischen nutzen mehr als 320 Firmen der Telekommunikationsbranche die Dienste von ancotel, und jeden Monat kommen nach Angaben des Geschäftsführers drei bis fünf neu hinzu.
Der Standort im Frankfurter Gallusviertel ist seit mehr als 100 Jahren ein Zentrum der Telekommunikation. Hier hatte früher auch schon die Post ihre Netzknoten betrieben, und hier entstand 1899 die Deutsche Privat Telephon Gesellschaft, die über die Zwischenstationen Telefonbau und Normalzeit, Telenorma und Tenovis heute im US-Unternehmen Avaya aufgegangen ist.
Dabei ist es nicht nur der Knoten im Frankfurter Westen, der die Stadt zum Zentrum der Kommunikationstechnik macht. Im Osten von Frankfurt befindet sich der De-Cix, der weltweit größte Internet-Austauschknoten, der in jeder Sekunde bis zu 350 Gigabit an IP-Daten durchschleust.
