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26. April 2007
Alle Jahre wieder: Als in Kreuzberg Anarchie herrschte
Berlin - Autos, Baufahrzeuge und Mülltonnen brannten. Steine und Molotow-Cocktails flogen auf die Polizisten. Scheiben wurden eingeworfen, Geschäfte und Supermärkte geplündert. Dazu ohrenbetäubender Lärm, da hunderte Menschen auf den Stahlstreben der Hochbahn trommelten. Überall rund um die Oranienstraße im Berliner Stadtteil Kreuzberg hatten Autonome, aber auch «normale» Bürger, Barrikaden errichtet, um die Staatsmacht abzuwehren. Was zunächst gelang: Über vier Stunden herrschten hier vor zwanzig Jahren Chaos und Anarchie.
In der linken Szene hat der 1. Mai 1987, an dem die Maifeiern in schwere Straßenschlachten mündeten, deswegen Kultcharakter. Sie waren die Initialzündung für die jährlichen Krawallrituale. Auch 2007 ist wieder damit zu rechnen.
Allerdings haben die Krawalle mittlerweile eine völlig andere Qualität: War das Publikum früher noch teilweise politisch motiviert, so sind seit einigen Jahren nach Polizei-Einschätzung in erster Linie betrunkene Jugendliche und Krawalltouristen dabei, die Spaß an Randale haben.
Am 1. Mai 1987 war die Stimmung aufgeheizt wie selten zuvor. Die linke Szene ärgerte sich über die geplante Volkszählung und hatte zu einem Boykott aufgerufen. Darüber hinaus war sie von der als repressiv empfundenen Politik des CDU-geführten Senats genervt. Das Zentrum der Hausbesetzer- und Punk-Szene befand sich rund um die Oranienstraße.
Hier hatte die Polizei bereits in den Morgenstunden des 1. Mai das Büro des Volkszählungs-Boykotts durchsucht und so die Spannungen noch verschärft. Wie in den Jahren zuvor fand in dem Bezirk am Tag der Arbeit auch wieder ein Straßenfest statt. An dessen Rand schmissen Chaoten einen Bauwagen und einen Polizeiwagen um. Daraufhin löste die Polizei das ganze Fest auf, setzte dazu Tränengas und Schlagstöcke ein.
Die Festbesucher, von dieser Brutalität überrascht, verbündeten sich, errichteten Barrikaden und zündeten sie an. Die Situation eskalierte. Die Polizei hatte es nicht mehr nur mit Hausbesetzern und Autonomen zu tun, sondern sah sich hunderten von Bürgern gegenüber, Jugendlichen, einfachen Arbeitern und auch vielen älteren Leuten. Steine, später gar Molotow-Cocktails, flogen auf die Beamten, die sich dann tatsächlich zurückziehen mussten.
Über 30 Geschäfte - auch kleine Einzelhandelsläden - wurden geplündert, unter anderem eine Filiale der Supermarktkette Bolle. Die wurde dann auch angezündet und brannte nieder. Sie wurde später zu einem Symbol, da sie jahrelang als Ruine stehen blieb. Erst gegen zwei Uhr morgens startete die Polizei ihren Gegenangriff und überrollte mit Wasserwerfern die Barrikaden. Jetzt hatte sie leichtes Spiel: Die meisten Personen waren betrunken und leisteten keinen Widerstand mehr. Noch in der Nacht erstürmte die Polizei Wohnungen und Häuser, es gab Razzien und über 50 Festnahmen. Mehr als 100 Menschen wurden verletzt.
Wechselnde Polizeitaktiken
Die linke Szene feierte diesen 1. Mai als Sieg und verklärte ihn. Die massenhafte Beteiligung aus allen Bevölkerungskreisen und Altersgruppen sowie der erzwungene Rückzug der Polizei prägte die damals Aktiven. Es gab aber auch kritische Stimmen: Beklagt wurde die scheinbare Ziellosigkeit der Gewalt, die Plünderung kleinerer Geschäfte und Alkoholmissbrauch.
Die Polizeitaktiken wechselten in den folgenden Jahren, die Krawalle blieben. 1988 organisierten Mitglieder der autonomen Bewegung die erste «Revolutionäre 1. Mai-Demonstration», die später Ausschreitungen nach sich zog. 1989 hatten die Randale einen Höhepunkt erreicht: Von 1.600 eingesetzten Polizisten wurden 346 verletzt, der Sachschaden wurde auf 1,5 Millionen Mark geschätzt. Von 1995 bis 1998 verlagerten sich die Krawalle nach Prenzlauer Berg, seit 1999 geht es wieder in Kreuzberg zur Sache.
Vor vier Jahren entstand die Idee, dass die Kreuzberger den 1. Mai selbst gestalten sollen. Zum ersten Mal organisierten Geschäftsleute und Anwohner das «Myfest» - auch mit dem Ziel, Krawalltäter auszugrenzen. Die Polizei agiert seitdem recht erfolgreich nach der Taktik der ausgestreckten Hand, das heißt, sie hält sich zurück und greift gezielt erst bei Ausschreitungen zu. Die Festbesucher nahmen den Randalieren mehr und mehr den Raum. 2005 und 2006 gab es bei den 1.-Mai-Feiern so wenig Ausschreitungen wie seit 1987 nicht mehr.
Das soll 2007 trotz 20. Jahrestags der ersten Krawalle und anstehenden G-8-Gipfel noch besser werden. «Wir haben die Hoffnung, dass es ein friedlicher 1. Mai wird», sagt Innensenator Ehrhart Körting.

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