Landwirtschaft fürs Klima fast so schädlich wie der Straßenverkehr
Berlin - Ackerbau und Tierhaltung sind für das Klima fast genau so schädlich wie der Straßenverkehr. 133 Millionen Tonnen CO2 aus der Landwirtschaft stehen einer Studie zufolge rund 152 Millionen Tonnen aus dem Straßenverkehr gegenüber. An dieser Klimabilanz würde auch eine völlige Umstellung auf Ökolandbau kaum etwas ändern, ist das überraschende Ergebnis einer Foodwatch-Untersuchung, die am Montag in Berlin vorgestellt wurde. Kunden sollten ihren Konsum von Milch und Rindfleisch reduzieren, fordert die Verbraucherorganisation.
Das Ergebnis der Studie kann den Käufer an der Fleischtheke durchaus verwirren. Wurde lange Jahre geraten, beim Fleisch vor allem auf Öko-Produkte zu setzen, legt die vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) erstellte Studie einen ganz anderen Speiseplan nahe.
Denn demnach ist die Klima-Bilanz von Bio-Lebensmitteln keineswegs immer besser als die herkömmlicher Produkte. So kann Bio-Fleisch aus der Rindermast bis zu 60 Prozent mehr Kohlendioxid verursachen als konventionell produziertes Fleisch, weil dafür größere Futtermittel-Anbauflächen nötig sind.
«Wieviel Klima kostet mein Essen?»
«Wieviel Klima kostet mein Essen?» ist dann auch die Frage, die Foodwatch-Geschäftsführer Thilo Bode aufgeworfen hat. Die Antwort lautet in vielen Fällen: Eine ganze Menge. Die Herstellung von einem Kilogramm konventionellem Schweinefleisch verursacht so viel CO2 wie ein kleiner BMW, der 26 Kilometer fährt. Ein Kilogramm herkömmliches Rindfleisch aus der Mast schädigt demnach das Klima wie eine 71 Kilometer lange Autofahrt.
Das Bild vom malerischen Bauernhof auf dem Land, fernab vom Stress und Mief der Großstadt, muss der Studie zufolge umgemalt werden. Denn demnach verursacht die Landwirtschaft 13 Prozent aller Treibhausgasemissionen in Deutschland. In die Rechnung fließen sämtliche Faktoren ein, die bei der Produktion von Milch, Fleisch und Gemüse anfallen: Der Tiermist ebenso wie der Treibstoff für die Fahrt mit dem Trecker.
Innerhalb dieses Bereichs ist die Tierhaltung inklusive der für sie angebauten Futterpflanzen für 71 Prozent der Treibhausgase verantwortlich. Rinder laufen dabei den Schweinen als Klimakiller noch den Rang ab. «Der Schweinbraten ist bedeutend weniger klimaschädlich, weil das Schwein kein Wiederkäuer ist», erklärt IÖW-Leiter Thomas Korbun. Der Rest der Emissionen entstehe beim Pflanzenanbau (ohne Futtermittel).
Dabei sind nicht nur die Rinder und Säue arm dran. Einen erheblichen Anteil an der Produktion von Treibhausgasen hat laut Studie die Entwässerung von Moorgebieten. Diese machen zwar nur acht Prozent der genutzten Fläche aus, entlassen aber knapp ein Drittel der Treibhausgase in die Luft. Der Grund: Feuchte Moore schließen Klimagase weg wie ein Tresor. Wird ihnen das Wasser entzogen, werden über einen chemischen Prozess Gase freigesetzt.
Eine vollständige Umstellung auf Ökolandbau würde Foodwatch zufolge nur helfen, wenn gleichzeitig der Fleischkonsum drastisch zurückginge. Um den derzeitigen Standard zu halten, reichten die Flächen in Deutschland nicht aus.
Bode forderte die Bundesregierung auf, die bisher für die Landwirtschaft gezahlten Subventionen zu streichen und statt dessen Umweltsteuern einzuführen. Dabei müssten Preissteigerungen in Kauf genommen werden. Handeln müsse die Politik, die Verantwortung dürfe nicht dem Verbraucher aufgebürdet werden.
Bauern sind anderer Meinung
Der Deutsche Bauernverband wies die Ergebnisse der Studie zurück. Die CO2-Bilanz der Land- und Forstwirtschaft in Deutschland sei eindeutig positiv, hieß es. Den Emissionen stehe eine Bindung durch die Pflanzen in Höhe von mehr als 168 Millionen Tonnen gegenüber. «Damit bindet die Land- und Forstwirtschaft 35 Millionen Tonnen mehr als sie jährlich emittiert», erklärte der Verband. Am gesamten Treibhauseffekt in Deutschland seien Wiederkäuer wie Rinder, Schafe und Ziegen nach Angaben des Umweltbundesamtes zu rund zwei Prozent beteiligt.
Der FDP-Agrarexperte Edmund Geisen pflichtete dem bei. Die Schlagzeile vom vermeintlichen Klimakiller Landwirtschaft und der Vergleich mit dem Straßenverkehr sei längst entkräftet. «Die Landwirtschaft ist der einzige Wirtschaftszweig, der durch seine Produktion gleichzeitig CO2 bindet und damit aktiven Klimaschutz betreibt», erklärte er.
Die Grüne forderten ein Aktionsprogramm für Ökolandbau. Verbraucherexpertin Ulrike Höfken warf der Regierung vor, «im vergangenen Jahr den Ökobauern 40 Prozent ihrer Förderung gestrichen» zu haben.