Da, wo einst die Wiege der abendländischen Kultur stand, herrschen heute Angst und Gewalt, wird bestialisch gemordet. Am schlimmsten war es vor drei Jahren, als in Hilla, der Hauptstadt der irakischen Provinz Babel, bei einem Anschlag 125 Schiiten starben. Nicht weit entfernt von Hilla liegen die Ruinen des alten Babylons. Die 3.000-jährige Geschichte der sagenumwobenen Stadt beleuchtet ab (dem morgigen) Donnerstag eine große Ausstellung mit dem Titel «Babylon. Mythos und Wahrheit» im Berliner Pergamonmuseum.
Frei von Gewalt und Tyrannei war auch Babylon nicht. Zwischen 2500 vor Christus bis 500 nach Christus entstand aber auch eine Hochkultur, die prägend für die weitere Zivilisationsgeschichte war. Das zeigt der archäologische Teil der Schau, der in Bereiche wie Königtum, Religion, Recht, Wissenschaft, Baukunst, Alltag und Arbeit gegliedert ist. Um Babylon ranken sich auch allgegenwärtige Legenden. Die werden im zweiten Teil der Schau hinterfragt.
Die «babylonische Hure»
So will der Mythos, dass Babylon eine Metropole der Lüste war. Allerdings: Damals hätten für unmoralische Handlungen im sexuellen Umfeld überhaupt keine Begriffe existiert, ist in der Ausstellung zu erfahren. Das die Neuzeit beherrschende Zerrbild von Babylon als Sündenpfuhl habe seinen Ursprung bei Augustinus, einem Gelehrten der Spätantike, und sei später von Martin Luther aufgegriffen worden. Der habe in seiner Schrift «De Captivitate Babylonica» Rom als Zentrum der ihm verhassten katholischen Welt mit der sogenannten babylonischen Hure gleichgesetzt.
Auch für die Apokalypse ist kein historischer Beleg bekannt. Dabei gilt die gewaltsame Zerstörung Babylons als symbolträchtiges Szenario eines selbst verschuldeten Untergangs. Vielmehr verlor die Stadt nach der Eroberung durch den Perser Kyros II. 539 vor Christus ihre einstige Größe.
Die babylonische Sprachverwirrung ist nach biblischer Überlieferung die Strafe Gottes für das größenwahnsinnige Turmbauprojekt. In der Ausstellung ist aber zu erfahren, dass im multikulturellen Babylon Menschen verschiedenster Nationen zusammenlebten - Ägypter, Perser, Griechen und Juden. Daher seien auf den Straßen die unterschiedlichsten Sprachen zu vernehmen gewesen.
Eines der Sieben Weltwunder
Im archäologischen Teil der Ausstellung illustrieren über 800 Objekte - unter anderem Statuen, Reliefs, Weihgaben, Schmuck, Juwelen, Architekturteile und Schriftzeugnisse - die «Wahrheit» über die Stadt. Es werden Einblicke in verschiedene Lebensbereiche der Kulturen an Euphrat und Tigris gegeben. Im Mittelpunkt stehen unter anderem «stationäre» Objekte aus dem Pergamonmuseum: das Ischtar-Tor und die Prozessionsstraße von Babylon - eines der Sieben Weltwunder der Antike.
Zu erfahren ist, dass Recht und Ordnung bereits zum Staatsprogramm zählten und schriftlich mit Keilschrift auf Stelen fixiert wurden. Die Wissenschaft erzielte in Babylon eine einzigartige Blüte. Grundlage war die Erfindung der Schrift. Lehmziegel wurden der Baustoff schlechthin - aus ihm wurden Paläste und ganze Städte erbaut.
Keine Exponate aus dem Irak
In der Ausstellung werden erstmals Exponate aus dem Pariser Louvre, dem Londoner British Museum und den Staatlichen Museen zu Berlin gemeinsam präsentiert. Aus dem Nationalmuseum Bagdad jedoch seien keine Leihgaben zu bekommen gewesen, sagte Kurator Joachim Marzahn. Dies sei der politischen Situation geschuldet. Es sei einfach zu gefährlich und nicht zu verantworten, wertvolle Exponate zu transportieren.
Der Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, Peter-Klaus Schuster, sagte, die Babylon-Ausstellung stehe im Zeichen der Irak-Krise. «Wir wollen das Bewusstsein stärken, dass von dort die abendländische Kultur kommt.» Das Pergamonmuseum werde bis zum 5. Oktober das Babylonmuseum sein.
Die kulturhistorische Bedeutung Babels würdigt mittlerweile auch der Irak. Das irakische Kulturministerium ernannte die Provinz Babel zum «Hauptsitz der irakischen Kultur 2008».
300.000 Besucher erwartet
Der Eintritt in die Ausstellung beträgt 12, ermäßigt 6 Euro. Geöffnet ist sonntags bis mittwochs von 09.00 bis 18.00 Uhr, donnerstags bis samstags von 09.00 bis 22.00 Uhr. Zur Ausstellung sind zwei Kataloge erschienen. Der Band «Mythos» kostet 19,90 Euro, der Band «Wahrheit» 29,90 Euro.
Die Schau, die unter der Schirmherrschaft von Außenminister Frank-Walter Steinmeier steht, endete vor kurzem in Paris. In London wird sie nach der Station in Berlin ab dem 13. November zu sehen sein. Zur Ausstellung in Berlin werden rund 300.000 Besucher erwartet.
