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24. Februar 2009

Sorge über antijüdische Tendenzen bei Migranten



Berlin - Antisemitismus bei Muslimen in Deutschland ist aus Sicht des Grünen-Vorsitzenden Cem Özdemir ein ernstzunehmendes Problem. Man müsse leider zur Kenntnis nehmen, «dass es antisemitische Denkweisen nicht nur am rechten Rand oder bei linken sogenannten Anti-Imperialisten gibt, sondern auch in der muslimischen Community, insbesondere bei männlichen arabischen, türkischen und kurdischen Jugendlichen», sagte Özdemir der «Frankfurter Rundschau» vom Montag.

Hintergrund ist die Veröffentlichung «Die Juden sind schuld» der Amadeu-Antonio-Stiftung in Berlin, die Einstellungen unter den drei Millionen Muslimen in Deutschland unter die Lupe nimmt und auch mögliche Gegenmaßnahmen diskutiert. Auch die Autoren sehen Antisemitismus als «neues Problemfeld, das in den großen urbanen Wohnquartieren mit überwiegend muslimischer Wohnbevölkerung vorzufinden ist».

Sie verweisen unter anderem auf die steigende Zahl von antijüdischen Straftaten, für die muslimische Tatverdächtige verantwortlich gemacht werden. Für 2006 seien 88 solcher Taten registriert worden, 100 Prozent mehr als im Jahr davor. Ein spektakulärer Einzelfall war der von muslimischen Jugendlichen verübte Brandanschlag auf die Düsseldorfer Synagoge im Oktober 2000. In anderen europäischen Ländern, etwa in Frankreich, seien ähnliche Tendenzen zu verzeichnen.

«Überheblich und geldgierig»

Die Autoren verweisen auch auf die Studie «Muslime in Deutschland» im Auftrag des Bundesinnenministeriums von 2007. Darin habe eine «substanzielle Minderheit» von 500 befragten muslimischen Schülerinnen und Schülern antijüdische Ressentiments geäußert. Der Aussage «Menschen jüdischen Glaubens sind überheblich und geldgierig» stimmten unter den jungen Muslimen 15,7 Prozent zu. Bei nichtmuslimischen Zuwanderern lag die Quote mit 7,4 Prozent deutlich niedriger; einheimische Deutsche äußerten sich zu 5,4 Prozent in dem Sinne.

Trotzdem stochern Experten bei dem Phänomen noch weitgehend im Nebel, wie es in der Broschüre «Die Juden sind schuld» weiter heißt. Weder ist genau erforscht, wie verbreitet antisemitische Tendenzen sind - in der Studie des Innenministeriums wurde nur die eine antijüdische Aussage abgeprüft - und wie sich einzelne muslimische Zuwanderungsgruppen dabei unterscheiden. Noch sind die Ursachen eindeutig bestimmt.

Eine erhebliche Rolle wird dem Nahostkonflikt zugeschrieben, auf den auch Özdemir in dem Interview verwies. Aus Sicht des Grünen-Politikers identifizieren sich türkische Jugendliche mit den Palästinensern, weil sie vielfach auf Identitätssuche seien und sich «sich in dieser Gesellschaft als marginalisiert empfinden». Daher zeigten sie «eine Überidentifikation mit dem Konflikt im Nahen Osten».

Antisemitische Verschwörungstheorien

Aber auch die Zunahme von gefärbten oder einseitigen Informationen über Satelliten-Fernsehstationen oder Websites aus dem arabischen Raum führen Experten an. In der Broschüre wird zudem auf die Verbreitung antijüdischer Verschwörungstheorien verwiesen, die unter anderem in der Türkei kursieren.

«Es ist unserer Gesellschaft mittlerweile in Fleisch und Blut übergegangen, überall jüdischen Einfluss zu vermuten und diverse Verschwörungstheorien zu erfinden, in denen "der Jude" immer der Übeltäter ist», zitieren die Autoren der Amadeu-Antonio-Stiftung aus der türkischen Petition «Null-Toleranz gegen Antisemitismus» von 2004. Unterzeichnet hatten die Protestnote muslimische und nicht-muslimische Intellektuelle.

Özdemir, der ein Vorwort für «Die Juden sind schuld» geschrieben hat, sieht unabhängig von der genauen Erforschung der Ursachen in jedem Fall Handlungsbedarf. Auch Lehrer seien gefragt. «Das Falscheste wäre sicher, das Thema aus Angst gar nicht erst anzupacken», sagte er in dem Interview.




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