Außergewöhnlich scharfe Kritik an ISAF- und US-Truppen in Afghanistan
Kabul - Der afghanische Präsident Hamid Karsai hat die internationalen Streitkräfte in seinem Land außergewöhnlich scharf kritisiert. Angesichts der steigenden Zahl ziviler Opfer warf Karsai der NATO und den US-geführten Koalitionstruppen mangelnde Sorgfalt vor. Dieser Nachlässigkeit fielen Unschuldige zum Opfer, beklagte er am Samstag. Bei schweren Kämpfen im Grenzgebiet zwischen Pakistan und Afghanistan wurden unterdessen zahlreiche Menschen getötet.
Allein in den vergangenen zehn Tagen kamen bei Militäreinsätzen unter Führung der NATO oder der USA nach Angaben Karsais 90 Zivilpersonen ums Leben. Afghanistan wolle mit der internationalen Gemeinschaft zusammenarbeiten und sei dankbar für deren Hilfe, sagte der Präsident. «Aber das heißt nicht, dass das Leben von Afghanen nichts wert ist», fügte er hinzu.
Erst am Freitag waren bei NATO-Luftangriffen im Süden Afghanistans 25 Zivilpersonen getötet worden, darunter laut Polizei neun Frauen und drei Babys. Karsai wertete dies als weiteres Beispiel für eine übermäßige Gewaltanwendung sowie als Zeichen für mangelnde Koordination mit der afghanischen Regierung.
Auch auf pakistanischer Seite gab es nach Angaben der pakistanischen Armee neun zivile Opfer. Beim Einschlag einer Rakete in ein Wohnhaus unweit der Grenze seien am Freitag fünf Männer, drei Frauen und ein Kind ums Leben gekommen, sagte ein Militärsprecher am Samstag.
Zuvor hatte die NATO-Schutztruppe ISAF erklärt, bei schweren Gefechten im Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan seien rund 60 Aufständische getötet worden. Die Rebellen hätten im Bezirk Bermel in der Provinz Paktika afghanische und ISAF-Truppen angegriffen. Bei einem weiteren Gefecht in der Provinz Kandahar kamen den Koalitionsstreitkräften zufolge 20 Taliban-Kämpfer ums Leben.
Mehrheit der Deutschen für Abzug
Eine deutliche Mehrheit der Bundesbürger ist für einen Abzug der deutschen Soldaten aus Afghanistan. In einer Umfrage im Auftrag des Magazins «Focus» plädierten 61 Prozent dafür. 36 Prozent waren dagegen. Derweil warnte der Bundestags-Wehrbeauftragte Reinhold Robbe dem Magazin zufolge vor Sicherheitsmängeln im größten Feldlager der Bundeswehr in Afghanistan, «Camp Marmal» in Masar-i-Scharif. Dieses sei nur unzureichend gegen Anschläge gesichert, heißt es in einem Brief an die Verteidigungsexperten der Parlamentsfraktionen. Kameras und Überwachungselektronik seien zwar installiert, aber mangels Anschluss an die Stromversorgung nicht aktiv. Nur drei Soldaten auf einigen Wachtürmen seien für die Bewachung eingesetzt, schrieb der Wehrbeauftragte, der Anfang Juni die Truppe in Afghanistan besucht hatte. Darüber hinaus sei die Startbahn des benachbarten Flughafens frei zugänglich, da ein Zaun fehle.