Wo die Arbeitslosigkeit besonders hoch ist, bekommen Kassenpatienten auch besonders viel Medikamente. Das belegt der Arzneimittelatlas 2008, der am Freitag in Berlin vorgestellt wurde. So wurden beispielsweise voriges Jahr in Hamburg jedem gesetzlich Versicherten durchschnittlich 32 Tagesdosen Lipidsenker gegen Herz-Kreislauf-Probleme verschrieben, im nahen Mecklenburg-Vorpommern aber 52.
Die Ursache für die Unterschiede sieht das Gesundheitsforschungsinstitut IGES, das den Atlas für den Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) zusammenstellt, in Arbeitslosigkeit und Übergewicht. So seien die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern deutlich häufiger arbeitslos (16,5 Prozent) als in Hamburg (9 Prozent) und deutlich häufiger fettleibig (17 gegenüber 10 Prozent). Arbeitslosigkeit begünstige die Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wie sie unter anderem mit Lipidsenkern behandelt werden.
Vor allem gegen solche Volkskrankheiten wurden 2007 deutlich mehr Medikamente verordnet. Insgesamt verschrieben die Ärzte rund 35 Milliarden Tagesdosen, 5,8 Prozent mehr als im Vorjahr. Die gesetzlichen Krankenkassen gaben 28 Milliarden Euro für Fertigarzneimittel und Impfstoffe aus, das sind 1,6 Milliarden Euro beziehungsweise 6,4 Prozent mehr als im Vorjahr.
Mit 0,7 Milliarden Euro machte die erhöhte Mehrwertsteuer einen Großteil der Ausgabensteigerung aus. Ohne diese Anhebung wären die Ausgaben nur um 3,4 Prozent gestiegen, erklärte VFA-Hauptgeschäftsführerin Cornelia Yzer. Sie forderte einen ermäßigten Mehrwertsteuersatz für Arzneimittel wie in den meisten EU-Ländern. Damit würde das Gesundheitssystem um rund 2,8 Milliarden Euro entlastet. Yzer nannte es absurd, dass auf Arzneimittel der volle Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent erhoben werde, für Tier-Arzneimittel, Schnittblumen oder Bücher aber nur der ermäßigte Satz von sieben Prozent.
