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21. November 2008
Chaos im Ohr


Frankfurt - Die Anfälle kommen ohne Vorwarnung. Plötzlich verwandelt sich das Zimmer in ein schwankendes Schiff. Nirgends findet man Halt, alles dreht sich. Dann kommen starke Übelkeit und heftiges Erbrechen hinzu. Inge Freifrau von dem Bussche hatte erst kürzlich wieder einen solchen Morbus-Menière-Anfall: Die 72-jährige Witwe stürzte bei dem zweistündigen Anfall schwer und zog sich blaue Flecken am ganzen Körper zu: «Hinterher war ich schwer erschöpft», erinnert sie sich.

Dabei ging es dieses Mal noch glimpflich aus. Vor vier Jahren zerbrach bei einem schweren Sturz ihr Ohr-Implantat. In den schlimmsten Zeiten hatte sie mehrmals in der Woche mehrstündige Anfälle. Schon seit ihrem 14. Lebensjahr leidet die Rentnerin unter Morbus Menière, einer Erkrankung des Innenohres. Dabei ist das natürliche Zusammenwirken von Sinneshärchen und Ohrflüssigkeit gestört. Das schädigt das Gleichgewichts- und das Hörorgan.

Schätzungen zufolge leidet einer von 1.000 Menschen unter dieser Krankheit. Pro Jahr gibt es nach Angaben des Leitenden Oberarztes der Tinnitus-Klinik Arolsen, Helmut Schaaf, 3.200 bis 9.000 Neuerkrankungen in Deutschland. Genauere Angaben gibt es nicht. «Betroffen sind vor allem Menschen im 30. und 40. Lebensjahrzehnt», sagt der HNO-Arzt. Benannt wurde die Krankheit nach dem französischen Arzt Prosper Menière, der sie vor knapp 150 Jahren das erste Mal beschrieb.

Die Diagnose ist nach Angaben Schaafs in vielen Fällen schwierig, da die Symptome oft anderen Krankheiten täuschend ähneln. «Hinzu kommt, dass im Anfangsstadium noch nicht alle der drei typischen Anzeichen auftreten müssen», sagt Schaaf. Dazu gehören meist anfallsartige Schwindelattacken mit unstillbarem Erbrechen und Todesangst, zunehmender Hörverlust sowie in der Regel ein tief klingender Tinnitus. Menière-Patienten zittern mit den Augen und können feste Gegenstände während des Anfalls nicht fixieren.

Antibiotikum oder Operation

Inge Freifrau von dem Bussche hat mit 23 Jahren von ihrem Hausarzt erfahren, dass sie unheilbar krank ist und in 30 Jahren taub sein wird. Die Prognose hat sich leider bestätigt. Bis heute ist die Krankheit nicht heilbar, aber viele Auswirkungen lassen sich ausgleichen. Neben der rein medikamentösen Akuttherapie während eines Anfalls steht vor allem die medizinische Begleitung zwischen den Anfällen im Vordergrund. Der Arzt müsse den Patienten über seine Möglichkeiten und Grenzen aufklären, sagt Schaaf.

«Man muss umso weniger leiden, je besser man über seine spezielle Konstellation Bescheid weiß», betont der Experte. Wichtig sind Entspannungsverfahren, autogenes Training und Physiotherapie. In den schwersten Stadien der Krankheit wird das Gleichgewicht entweder durch das Antibiotikum Gentamycin oder chirurgisch durch das Durchtrennen des Gleichgewichtsnervs ausgeschaltet. Der weltweit häufigste Eingriff ist die sogenannte Saccotomie zur Druckentlastung des Innenohrs. Deren Erfolge sind nach Schaafs Angaben aber gering.

Neben den großen organischen Beschwerden leidet ein Großteil der Betroffenen an psychischen Problemen. «Sie leben in einem Teufelskreis aus häufiger Angst vor dem nächsten Anfall, Depression und Trauer über das schwindende Hörvermögen und die Ausgrenzung aus der Gesellschaft», sagt von dem Bussche. «Mit dem äußeren Halt geht auch der seelische Halt verloren».

Seelischer Schwindel

Werde die Angst vor der Wiederholung der Anfälle übermächtig, verselbständige sich der Schwindel, bestätigt der HNO-Spezialist und Buchautor Schaaf. Über die rein organisch bedingten Schwindelanfälle hinaus komme es zu psychogenem Schwindel. Der Arzt könne beide Anfälle dadurch unterscheiden, dass dem psychisch bedingtem Schwindel das Augenzittern fehle und der Betroffene weiterhin stehen könne.

Für den seelischen Schwindel ist nach den Worten Schaafs eine Psychotherapie ungemein wichtig. Meist leiden die Menschen neben Angstzuständen unter Depressionen, Schlaf- und Konzentrationsstörungen bis hin zu Selbstmordgedanken. Sie müssen eigene Bewältigungsstrategien lernen, um ihre Lebensqualität wiederzugewinnen.

Freifrau von dem Bussche ist seit zehn Jahren im rechten Ohr taub und im linken schwerhörig. Sie hat fünf Kinder großgezogen und eine Selbsthilfegruppe für Menière-Kranke gegründet. Als sie ihren Beruf mit 62 Jahren aufgab, wurde sie Vorsitzende des gemeinnützigen Vereins «Kontakte und Informationen für Morbus Menière Patienten.» Jetzt hilft sie anderen Betroffenen, mit der Krankheit zu leben.

 








 
 



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