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21. August 2008
«Ich bin der Besuch heute»


Frankfurt - Fröhliche Kinder umringen Angela Merkel, als die Kanzlerin den Kindergarten der evangelischen Friedensgemeinde in Frankfurt betritt. «Viele kleine Leute», singen die Kinder, und Merkel gibt sich locker: «Guten Tag, ich bin der Besuch heute.» Später spricht sie mit Erzieherinnen, lässt sich die Arbeit des Kindergartens in der frühkindlichen Spracherziehung erläutern und bestaunt auf dem Spielplatz, wie die Kinder aus Sand, Farbe, Essig und Kaisernatron einen Vulkan bauen.

Angela Merkel ist auf «Bildungsreise» durch Deutschland. Zwölf Einrichtungen in zehn Bundesländern wird die Kanzlerin bis zum 9. Oktober besuchen. Knapp zwei Wochen später soll ein nationaler Bildungsgipfel von Bund und Ländern dann die Weichen für den Weg aus der Bildungsmisere stellen. Die Reise dient Merkel dazu, sich über innovative Konzepte im Land zu informieren.

So gilt der Frankfurter Kindergarten mit einem Migrantenanteil von rund 70 Prozent als vorbildlich in der frühkindlichen Sprachförderung. Schulen, Universitäten und Ausbildungsbetriebe, die ebenfalls nach neuen, viel versprechenden Konzepten arbeiten, sollen folgen. «Wir müssen die Bildungsrepublik Deutschland werden», hat Merkel ihr Ziel im Juni formuliert. Nach dem Klimawandel soll nun auch das zweite Megathema des Jahrzehnts, die Bildung, zur Chefinnensache werden.

Aus Sicht des Landauer Bildungsforschers Reinhold Jäger gibt es zu einem raschen koordinierten Handeln von Bund und Ländern keine Alternative: «Wir haben fünf vor zwölf», betont der Leiter des Zentrums für empirische pädagogische Forschung (Zepf). Deutschland sei international in einen gewaltigen Rückstand gekommen und habe auch nach dem Pisa-Schock nur wenig aufgeholt.

«Das ist eine Situation, in der die Bundeskanzlerin zeigt: Ich will hier ein Zeichen setzen», erklärt Jäger. Als dramatisch beschreibt der Zepf-Chef vor allem die Situation bei den Lehrern. Angesichts einer anrollenden Pensionierungswelle hätten die Länder kaum noch eine Chance, die immer größer werdenden Lücken in den Kollegien zu schließen. Notwendig sei in dieser Situation dringend eine politische Aufwertung des Lehrerberufs, um so gute junge Pädagogen gewinnen zu können.

«Wir benötigen die Besten der Besten»

«Wir benötigen die Besten der Besten», betont der Bildungsforscher. Der Bildungsgipfel im Herbst, fordert Jäger, müsse in einen Bildungspakt zwischen Bund und Ländern einmünden. Ähnlich dem Hochschulpakt könnten beide staatliche Ebenen eine große Kraftanstrengung verabreden, um die Schulen in Deutschland qualitativ voranzubringen.

Die Voraussetzungen dafür sind allerdings nicht allzu gut. Zwar betonen Bildungspolitiker unabhängig vom Parteibuch stets, dass mehr für die frühkindliche und schulische Bildung getan werden müsse. Doch ein koordiniertes Vorgehen ist schwierig bis unmöglich. Im Alltag hütet jeder der 16 Kultusminister und -senatoren seine Schulen wie ein eigenes Reich. Quer über Parteigrenzen hinweg eint die Fachpolitiker zudem die Abneigung, sich vom Bund in die Bildungspolitik reinregieren zu lassen.

Erst am vergangenen Wochenende flammte der Streit über die Zuständigkeiten neu auf. Bundesbildungsministerin Anette Schavan (CDU) kritisierte per Interview, die Länder hätten für Freiheiten in der Bildungspolitik gekämpft «und sollten sie besser nutzen». Sie beobachte noch eine Angst vor dem Wettbewerb untereinander: «Jede Initiative wird von den anderen Ländern reflexartig als Gefahr gesehen.»

«Die Länder werden sich ganz sicher nicht kaufen lassen»

Umgehend schoss die Vorsitzende der Kultusministerkonferenz (KMK), Annegret Kramp-Karrenbauer, zurück und warnte die Bundesregierung vor Einmischung. Jeder Versuch des Bundes, die Länder an einem goldenen Zügel in eine Richtung zu ziehen, sei kontraproduktiv, betonte die CDU-Politikerin: «Die Länder werden sich ganz sicher nicht kaufen lassen.»

Zudem fließt immer noch zu wenig Geld ins System. Der 2. nationale Bildungsbericht zeigte, dass der Anteil der Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt zwischen 1995 und 2006 von 6,9 auf 6,2 Prozent gesunken ist. Damit liegen sie trotz der zahlreichen Aufforderungen zu mehr Bildungsanstrengungen seit dem Pisa-Schock weiter unter dem OECD-Durchschnitt.

Seit der Förderalismusreform sind die Hürden für eine Zusammenarbeit von Bund und Ländern noch etwas höher geworden. Nun gilt streng genommen die alleinige Zuständigkeit der Länder. Als «Königin ohne Land» sei Merkel im deutschen Bildungswesen unterwegs, spottete am Donnerstag die Grünen-Bildungspolitikerin Priska Hinz. Erst beim Bildungsgipfel im Oktober werde man sehen, ob die Reise der Kanzlerin zu einem Erfolg führe, «oder doch nur wieder in der Ebene der Showeinlagen endet».








 
 



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