Wenn Stanislawa Subatsch Blumen auf dem Grab ihres verstorbenen Mannes niederlegen will, steckt sie diese in eine Plastiktüte und beschwert sie mit Steinen. Das Päckchen wirft die Weißrussin über den Metallzaun in ihrem Dorf - in ein anderes Land, nach Litauen, wo ein ehemaliger Nachbar die Blumen aufhebt und zum Grab bringt. Die Grenze zwischen Weißrussland und Litauen, beide einst Teil der Sowjetunion, war lange Zeit nicht mehr als eine dünne Linie auf einer Landkarte. Heute steht entlang der Grenze ein Zaun: eine neue Version des Eisernen Vorhangs.
Das autokratische Regime Weißrusslands sieht in diesem Zaun die letzte Verteidigungslinie gegen den sich ausbreitenden Westen, zu dem seit seinem EU-Beitritt 2004 auch Litauen gehört. Die befestigte Grenze soll aber nicht nur Fremde fernhalten. Sie verhindert auch, dass Weißrussen in den Westen gehen. Auf der weißrussischen Seite patrouillieren bewaffnete Wachen, denen es erlaubt ist, zu schießen. Der Versuch, über den Zaun zu gelangen, wird mit bis zu zwei Jahren Gefängnis bestraft.
An einer Stelle geht der Zaun mitten durch ein einst unscheinbares kleines Dorf und trennt es in zwei Hälften: Pjazkuni auf der Seite Weißrusslands und Norwiliskes auf litauischer Seite. Die Kirche, der Friedhof, die ehemaligen Nachbarn - alles ist für die weißrussischen Dorfbewohner noch immer nur ein paar Schritte entfernt und liegt doch in einer ganz anderen Welt.
«Unsere Herzen sind auf der anderen Seite des Zauns zurück geblieben», sagt Subatsch. Nahe der Grenze verfolgt die 67-Jährige durch die geöffneten Tore der katholischen Kirche, die auf litauischer Seite steht, die Messe mit. Seit mehr als zwei Jahren war sie nun nicht mehr am Grab ihres Mannes.
Um den nur wenige hundert Meter entfernt liegenden Friedhof besuchen zu können, müsste die Witwe eine lange und beschwerliche Reise auf sich nehmen. Seit dem EU- und NATO-Beitritt Litauens müssen Weißrussen für Litauen ein Visum beantragen. Bis zum nächsten litauischen Konsulat sind es von Pjazkuni aus rund 150 Kilometer. Dort würde Subatsch mehrere Tage lang Schlange stehen und rund 60 Euro, beinahe ihre gesamte monatliche Rente, für ein Visum ausgeben. Anschließend lägen noch eine 100 Kilometer lange Fahrt bis zum nächsten Grenzübergang und weitere 100 Kilometer auf litauischer Seite vor ihr, bis sie in Norviliskes ankäme - einen Steinwurf vom Ausgangspunkt ihrer Reise entfernt.
«Teilung in zwei unterschiedliche Kulturen»
Doch die Trennung der Dorfbewohner ist nicht nur eine räumliche. Seit dem Bau des Zauns liegen Welten zwischen dem Alltag der ehemaligen Nachbarn. Die Menschen im litauischen Ortsteil können quer durch Europa reisen und im gesamten Schengen-Raum Arbeit suchen. Wer bleibt, verdient dank Unterstützung der EU genug, um sein Haus in Schuss zu halten und sich neu einzukleiden.
«Nur ein Dummkopf würde die Gelegenheiten nicht nutzen, die ein Europa ohne Grenzen bietet», sagt Jan Mikul, der seit zwei Jahren in Dublin arbeitet. In sein Heimatdorf Norwiliskes kommt der 24-Jährige nur hin und wieder zurück, um sich um das Grab seiner Großeltern zu kümmern und um dabei zu helfen, die Blumen aufzusammeln und zu verteilen, die von der anderen Seite über den Grenzzaun geworfen werden.
Die Bewohner auf weißrussischer Seite hingegen können lediglich in der örtlichen Kolchose arbeiten. Um sich zu ernähren bauen die Familien in ihren Gärten Obst und Gemüse an. In ganz Pjazkuni gibt es nur ein einziges Telefon - im einzigen Lebensmittelladen des Ortes. Giedrius Klimkewicus, ein Geschäftsmann aus Litauen, bringt die ungewöhnliche Lage in dem Grenzdorf auf den Punkt: «Der Metallzaun auf der Grenze ist zu einem Symbol der Teilung in zwei unterschiedliche Kulturen geworden.»
