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20. Mai 2008

Mit dem Erdbeben lockert China die Online-Zensur



Peking - Fast ohne Unterbrechung tauchen die Meinungen und Fragen der Chinesen zur Erdbebenkatastrophe im Internet auf. «Warum waren die meisten der Getöteten Kinder?» fragt einer auf der Blogging-Site FanFou. «Wie viele Spenden kommen wirklich im Erdbebengebiet an?» will ein anderer wissen. Das für China bemerkenswerte daran ist vor allem die ungewöhnliche Offenheit, mit der diskutiert wird.

China ist inzwischen das Land mit den meisten Internet- und auch Mobilfunknutzern weltweit. Und der Hunger der Menschen nach Informationen über das Erdbeben zwang die Regierung dazu, den Meinungen wie nie zuvor freien Lauf zu lassen. Die Vielzahl der Nachrichten, Instant Messages und Blogs wurde zur einer wichtigen Quelle für Augenzeugenberichte aus dem Erdbebengebiet, Hilfeaufrufe und auch für leidenschaftliche Kritik an den Rettungsmaßnahmen und der Hilfe der Regierung.

«Ich möchte nicht das Wort transparent benutzen, aber ist weniger zensiert, es gibt einen fast freien Informationsfluss», sagt Xiao Qiang, ein Journalismusprofessor an der Universität von Kalifornien in Berkeley und Direktor des «China Internet Project», das chinesische Websites beobachtet und übersetzt.

Bislang war es in China eher üblich, dass kritische Informationen zurückgehalten werden. So wurde erst viele Jahre nach dem Beben von Tangshan 1976 bekannt, dass dabei Hunderttausende ums Leben gekommen waren, erklärte der Soziologe Zheng Yefu in der Zeitung «Southern Metropolis News». Aber nach dem Beben der Stärke 7,9 in der vergangenen Woche war das Ausmaß der Katastrophe schnell klar.

Eine Serie von Krisen in den vergangenen Monaten - von den Schneestürmen im Winter bis zu den Unruhen in Tibet - habe der Regierung gezeigt, dass es in Zeiten des Internets eine schlechte Idee ist, Informationen zurückzuhalten oder zu verschleppen, sagt Xiao. Die Behörden fanden sich dieses Mal sogar zu einem Echtzeit-Chat mit den Bürgern zum Erdbeben bereit.


Aber auch Festnahmen und Verwarnungen


Das heißt aber nicht, dass die Regierung die Online-Konversation gar nicht mehr überwacht. Seit dem Erdbeben wurden mindestens 17 Menschen festgenommen, verwarnt oder dazu gezwungen, Entschuldigungen zu schreiben, weil sie «falsche Informationen und reißerische Erklärungen verbreitet oder das öffentliche Vertrauen untergraben haben», berichtete die Nachrichtenagentur Xinhua. Einige Beiträge wurden auch aus Online-Foren entfernt. Hitzige Diskussionen gab es aber unter anderem zu der Frage, ob ausländische Helfer in das Land gelassen werden sollten.

Selbst einige Behörden stürzten sich in bislang nicht gekannter Weise ins Internet. Über ein Satellitentelefon wurden aktuelle Informationen direkt auf eine Website der Präfektur Aba gebracht, die mitten im Erdbebengebiet liegt. «Sobald wir etwas Neues erfahren haben, haben wir es ins Internet gestellt», sagte He Biao, Direktor des Katastrophenschutzes von Aba dem chinesischen Online-Portal Sina.com.


Gerüchte verunsichern die Menschen


Einer der Nebeneffekte der Offenheit war aber auch, dass sich Gerüchte rasend schnell verbreiteten. Eines besagte, dass das Wasser im Katastrophengebiet mit Ammoniak verseucht sei, wie der britische Student Daniel Ebbutt berichtete. Dies führte dazu, dass es zu Hamsterkäufen bei abgefülltem Wasser kam.

Auch der amerikanische Lehrer Kevin Morris, der in der Nähe des betroffenen Gebiets wohnt, berichtet, die offiziellen Medien seien erstaunlich offen in ihrer Berichterstattung und hätten es gut geschafft, die Menschen zu beruhigen. «Die Gerüchte sind schädlich», schrieb er in einer E-Mail in der vergangenen Woche. Auf das kleinste Gerücht hin, dass es ein Nachbeben geben könnte, stürzten die Menschen aus ihren Häusern, oder sie kauften wie verrückt Wasser, weil es hieß, die Regierung stelle das Wasser ab.






 

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