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20. April 2007

Der Kampf gegen Aids dauert noch immer an



Göttingen - Vor 20 Jahren begann eine neue Ära im Kampf gegen die Immunschwäche Aids: Am 29. April 1987 wurde in Deutschland mit Retrovir das erste HIV-Medikament zugelassen. Vorher standen Mediziner dem Fortschreiten der Erkrankung hilflos gegenüber. Mit dem Retrovir-Wirkstoff Zidovudin (AZT) ließ sich der Krankheitsverlauf erstmals medikamentös beeinflussen.

Es ist noch nicht lange her, aber in der jungen Geschichte von HIV wirkt es wie ein Blick in die Steinzeit. 1981 wurden in den USA die ersten Aids-Fälle bekannt. In den folgenden Jahren entfachte die tödliche Immunschwäche, die sich weltweit ausbreitete und gegen die kein Mittel half, eine regelrechte Hysterie. «Damals sind die Patienten sehr früh und sehr qualvoll gestorben», erinnert sich Professor Norbert Brockmeyer, Leiter des Kompetenznetzes HIV/Aids. «Und alle haben gesehen, wie fürchterlich das Sterben ist.»

Ohnmächtig mussten Ärzte mitanschauen, wie die Krankheit ihre Patienten dahinraffte. Allenfalls konnten sie anhand der Zahl spezieller Helferzellen des Immunsystems, der von den Erregern angegriffenen CD4-Zellen, das Stadium der Erkrankung beurteilen. «Das war auch für uns Mediziner emotional sehr schwierig», sagt Brockmeyer. «Viele Ärzte haben stark mitgelitten.»

Vor diesem Hintergrund kam 1987 als erstes HIV-Medikament das Präparat Retrovir auf den Markt - unter einem gewaltigen gesellschaftlichen Druck. In einem beschleunigten Verfahren wurde das Mittel in den USA Ende März, in Deutschland einen Monat später zugelassen. Der Wirkstoff AZT hindert das Virus an der Vermehrung, indem er dessen Enzym Reverse-Transkriptase hemmt. Als Folge wird die Erbinformation des Virus fehlerhaft in die menschliche Wirtszelle eingebaut.

«Retrovir war das erste Mittel, mit dem wir eine Wirkung gesehen haben», sagt Schlomo Staszewski, Leiter des HIV-Center am Universitätsklinikum Frankfurt. «Plötzlich hatten wir ein Medikament, mit dem wir den Abfall der CD4-Zellen stoppen und sogar umkehren konnten. Das war eine Sensation.»

Anfangs weckte das Präparat große Hoffnungen bei Patienten und Medizinern. «Ich war total euphorisch», erinnert sich der Professor. «Ich dachte, jetzt haben wir die Lösung von Aids.» Die Freude war nur von kurzer Dauer, schon bald wich die Euphorie einer Ernüchterung. Nach mehrmonatiger Behandlung mit dem Mittel begann die Zahl der Helferzellen wieder abzufallen: Die Erreger wurden resistent.

Gleichzeitig wurde eine zweite Konsequenz unübersehbar: Der Wirkstoff, der anfangs in enormen Mengen verabreicht wurde, verursachte massive Nebenwirkungen. Damals nahmen Infizierte bis zu 2,4 Gramm pro Tag, heute liegt die Dosis bei etwa 500 Milligramm. Viele Patienten entwickelten so schwere Anämien, dass sie Bluttransfusionen benötigten. Andere litten an Übelkeit, Erbrechen oder Abgeschlagenheit.

«Es war eine Tortur für die Patienten», sagt Staszewski, und Brockmeyer ergänzt: «Viele konnten nicht mehr am täglichen Leben teilnehmen.» Angesichts der nachlassenden Wirksamkeit und der gravierenden Nebenwirkungen formierte sich eine Gegenbewegung, die die Einnahme des Mittels vehement ablehnte. «Das war eine ganz schwere Zeit», erzählt Brockmeyer.

Trotz der Rückschläge betonen beide Mediziner übereinstimmend einen entscheidenden Effekt: «Retrovir war psychologisch ganz wichtig, denn es gab Hoffnung», sagt Brockmeyer. «Wenn ein Mittel gegen die Krankheit hilft, dann muss es auch noch andere geben.» Staszewski bewertet die Einführung des Präparats rückblickend als Schlüsselerlebnis: «Retrovir lieferte den Beweis dafür, dass es möglich war, den Verlauf der HIV-Infektion medikamentös zu beeinflussen. Daran haben vorher viele nicht geglaubt.»


«Noch immer große Bedeutung in der Therapie»


Und vielen Infizierten rettete das Medikament das Leben, wie Brockmeyer betont: «Ohne Retrovir hätten viele Patienten den Sprung in die HAART-Ära nicht geschafft.» HAART ist die 1996 eingeführte antiretrovirale Therapie, bei der meist drei HIV-Medikamente mitunter aus unterschiedlichen Wirkstoffklassen miteinander kombiniert werden. Erst diese Kombinationsbehandlung ermöglichte es, die Viruskonzentration im Blut der Infizierten unter die Nachweisgrenze zu senken. Diese Verringerung der Viruslast ist bis heute das Ziel der Therapie.

Inzwischen gibt es rund 20 HIV-Mittel, und mit den Integrasehemmern wie etwa Raltegravir steht eine neue vielversprechende Wirkstoffklasse vor der Markteinführung. Aber noch immer nimmt Retrovir im Instrumentarium der HIV-Behandlung einen wichtigen Platz ein. So erhöhen etwa bestimmte Resistenzen von HI-Viren die Sensibilität der Erreger für den Wirkstoff. «Retrovir hat noch immer eine große Bedeutung in der Therapie», sagt Brockmeyer. «Es ist ungewöhnlich, dass das erste Medikament auch nach 20 Jahren noch zum Standard zählt.»




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